Überbleibsel einer versunkenen Fußballwelt

3. Mai 2005, 15:27
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Wo einst das "Wunderteam" vor Zehntausenden die Gegnerschaft panierte, dominiert heute charmante Schäbigkeit

Wien - Sie galt als nahezu uneinnehmbare Festung und geliebte Heimstätte des "Wunderteams", sie zog die Massen an, lange bevor diese zu Länderspielen in den Prater pilgerten. Ihre Ausmaße sind gigantisch, selbst völlig menschenleer und mittlerweile dem Verfall preisgegeben, versprüht die wohl legendärste Fußballarena Europas in der Zwischenkriegszeit eine einzigartige Atmosphäre: Die Hohe Warte in Wien-Döbling. Als Nabel der heimischen Fußballwelt hat sie jedoch schon lange ausgedient. Und viele schöne Erinnerungen an eine glorreiche Ära werden seit Jahrzehnten von beharrlich wucherndem Unkraut langsam zugedeckt.

Autokolonnen auf der Heiligenstädterstraße, Verkehrschaos, hektisches Gehupe, überfüllte Straßenbahnen, nervöse Menschenschlangen, die sich den erdigen Hang hinaufdrängen- und schieben, Gerangel um die letzten Eintrittskarten - wenn in den zwanziger und dreißiger Jahren auf der Hohen Warte ein Länderspiel der Österreicher anstand, herrschte absoluter Ausnahmezustand. Bis zu 85.000 Zuschauer strömten in die weitläufige Arena. Es mehrten sich die Befürchtungen, die Anlage könnte zu klein werden, dem Ansturm der Fans nicht mehr standhalten.

Das ehemalige Fabriksgelände wurde am 19. Juni 1921 feierlich als Fußballstadion eröffnet. Der mächtige Hang war als Zuschauertribüne geradezu prädestiniert. Parallel dazu setzte der österreichische Fußball, der damals ausschließlich innerhalb der Wiener Landesgrenzen Bedeutung hatte, zu einem ungeahnten Höhenflug an. Als erstes Land auf dem Kontinent führte man das Profitum ein, die Zuschauerzahlen wuchsen rasant an, in fast allen Bezirken - vor allem in der "Vorstadt" - wurden Stadien mit enormen Kapazitäten aus dem Boden gestampft.

Sternstunden

Fußball avancierte in einer Zeit, in der das geschrumpfte Österreich von einer Wirtschaftskrise in die nächste schlitterte, zum internationalen Aushängeschild und zum Ausdruck nationaler Identität. Höhepunkt dieser Entwicklung war die Geburt des "Wunderteams", das am 16. Mai 1931 vor 40.000 Zuschauern auf der Hohen Warte die Schotten mit 5:0 vom Platz fegte. Im selben Jahr wurde das Praterstadion eröffnet. Doch die Ausnahmekicker ließen es sich nicht nehmen, "ihrer" Hohen Warte ein würdiges Abschiedsgeschenk zu machen: Im April 1932 wurden die Ungarn vor 62.000 Fans mit 8:2 geschlagen.

Obwohl nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal auf Hochglanz poliert, gelang es der Hohen Warte nie wieder, an die alten Zeiten anzuknüpfen. Hie und da diente eine Doppelveranstaltung mit zwei Wiener Derbys als Publikumsmagnet, doch mit dem sportlichen Abstieg der Vienna in den sechziger und siebziger Jahren setzte auch der Zustand des Stadions zum Sturzflug an. Ein letztes Mal wurde die desolate Hohe Warte von 19.000 Zuschauern regelrecht gestürmt, als im April 1986 die Vienna mit Mario Kempes den Wiener Sportclub mit Hans Krankl 1:0 besiegte.

Biotop

Zu Beginn des dritten Jahrtausends dominieren auf der Hohen Warte immer noch die Farben Rot-Weiß-Rot. Aber es sind nicht die Österreich-Fahnen der Fans, die im Wind flattern, sondern Absperrbänder aus Plastik. Wo einst zehntausende Menschen den Herren Sindelar, Vogl, Zischek, Rainer, Hoffmann, Schall, Nausch, Gschweidl, Smistik und Sesta ebenso ehrfürchtig auf die Wadln starrten wie die bemitleidenswerten Gegner aus Deutschland, Ungarn, Schottland oder Frankreich, hat sich die Natur ein Refugium geschaffen.

Ein Teil der nach wie vor atemberaubenden Freiluftarena ist zum Jungwald mutiert, die Stufen der Stehplatztribüne wirken wie vom Gras überwachsene, antike Ausgrabungen, von den Sitzbänken ragen nur noch die Betonstümpfe aus der Erde. Es herrscht eine Mischung aus Tristesse, Melancholie und rührend stolzer Unbeirrbarkeit, wenn sich die letzten treuen Fans der in der Regionalliga-Ost verschollenen Vienna bei den Heimspielen in den Weiten der Hohen Warte verlieren. Fast scheint es, als stünden sie am Krankenbett der siechen Sportstätte, die seit vielen Jahren erfolglos auf der Suche nach ihrer Bestimmung ist. (APA)

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    Die Mannschaft, die zum "Wunderteam" werden sollte: Am 16.Mai 1931 schlug Österreich vor 40.000 Zuschauern auf der Hohen Warte Schottland 5:0.

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