Ethik für alle, Religion nach Belieben

8. Juli 2005, 10:26
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Die Pläne des Berliner Senats für einen Lebenskunde-Unterricht lösen Proteste aus - Ethik soll als Pflichtfach auf den Schulplan

Wolfgang Thierse (SPD), der sonst so besonnene deutsche Bundestagspräsident, war in Rage: Er könne sich noch gut an die DDR-Zeit erinnern, "als die Kirchen aus den Schulen verdrängt wurden". In einer Demokratie könne man "ähnliche Fehler" machen, warf er Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) beim Landesparteitag an den Kopf.

Doch "Wowi" und die Mehrheit der Berliner SPD blieben davon unbeeindruckt und beschlossen mit dem Koalitionspartner PDS, an Berliner Schulen im dritten Jahr nach der Volksschule einen religiös und weltanschaulich neutralen Werteunterricht einzuführen. Seither geißelt vor allem die CDU die Gottlosigkeit des rot-roten Senats. Denn während das neue Fach "Lebenskunde Ethik, Religion (LER)" als Pflichtfach am Stundenplan stehen soll, bleibt die Teilnahme am Religionsunterricht auch weiterhin eine freiwillige Angelegenheit. Dies ist deutschlandweit einmalig, in anderen Bundesländern kann man zwischen Ethik- und Religionsunterricht wählen.

CDU überlegt Klage

Kritiker befürchten, dass sich Berliner Schülerinnen und Schüler künftig bei der Gestaltung ihres Stundenplans von Bequemlichkeit leiten lassen - nach dem Motto: Wenn ich ohnehin in den Werteunterricht muss, kann ich ja den Religionsunterricht spritzen. Von den etwa 320.000 Schülern an öffentlichen Schulen besuchen derzeit 155.500 einen Religionsunterricht. Allerdings nimmt die Begeisterung mit dem Alter ab: Während daran in den Volksschulen 74 Prozent teilnehmen, sind es in der Oberstufe nur noch 26 Prozent.

Die Berliner CDU überlegt nun eine Verfassungsklage. Von Parteifreunden aus der ganzen Republik kommen scharfe Rügen für Wowereits Kurs. Die Idee des Werteunterrichts könne "nur von Leuten kommen, die nicht verstanden haben, was Kinder für ein selbstbestimmtes Leben brauchen: Werte und eben Gott", kritisiert Nordrhein-Westfalens CDU-Chef Jürgen Rüttgers. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber sieht eine "schrecklichen Fehlentwicklung" und meint: "Wenn man den Religionsunterricht abschafft und damit die Möglichkeit, feste christliche Werte zu erkennen, dann lässt man die Menschen im Stich."

CDU-Generalsekretär Volker Kauder forderte die Bundes-SPD auf einzugreifen, was SPD-Chef Franz Müntefering aus föderalen Gründen ablehnte. Doch die Bemerkung, es sei bekannt, dass er und Kanzler Gerhard Schröder eine andere Meinung hätten, verkniff er sich nicht.

Wütend sind auch die Kirchen, die den Religionsunterricht eigenverantwortlich durchführen und dafür staatliche Zuschüsse bekommen. Dies sei ein "kirchenfeindlicher Vorstoß", klagt der Leiter des Erzbistums Berlin Kardinal Georg Sterzinsky.

Wowereit bleibt hart

Wowereit lässt sich durch die Kritik nicht beirren. Gerade in Berlin, wo der Ausländeranteil so hoch sei, müsse man dafür sorgen, dass sich alle Kinder und Jugendlichen über grundlegende Werte austauschen. Was im neuen Fach ab 2006/07 genau gelehrt werden soll, ist ohnehin noch unklar. Es gibt noch keinen Lehrplan. Offen ist auch, wer den Unterricht abhalten soll.

(DER STANDARD-Printausgabe, 14.4.05)

Birgit Baumann aus Berlin
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