Nichts für Angeber

22. April 2007, 16:13
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Einmal Muscat und retour: von der Gigantomanie der Vereinigten Emirate zur beschaulichen Moderne des Sultanats Oman

Dubai ist eine Baustelle. Dort, wo die Nobelhotels stehen, also ziemlich abgelegen vom pulsierenden, multikulturellen Stadtkern Deira, wird rund um die Uhr gebaut: neue Hotels, neue Wohnungen für betuchte Ausländer, neue verrückte Hochhäuser fürs Guiness-Buch der Rekorde.

Sogar im Shoppingcenter sieht man Spuren des Expansionswahns: Direkt neben der jüngst eröffneten Ikea-Filiale, in der sich nun auch Scheichs das Regal "Billy" abholen, stehen Modelle von Wohnanlagen, die gerade entstehen. Man kauft die Wohnung in spe und dann gleich die Einrichtung. Lügen gehören allerdings zur Serienausstattung: In 15 Minuten sei man im Stadtzentrum, steht im Hochglanzfarbprospekt. Ja, eine Stunde 15 Minuten, wenn es wieder einmal staut.

Nicht dass man in Dubai keine untouristischen Ecken findet, im Gegenteil: In Deira tummeln sich Pakistani, Inder, Afrikaner - und kaum noble Europäer. Die Straße ist ein großer Marktplatz, und man merkt, dass Dubai einen Ausländeranteil von 85 Prozent hat.

Dubai ist ein guter Startpunkt, um ein Auto zu mieten

... und in den benachbarten Oman zu reisen, der als die "Schweiz des Orients" gilt, als Musterstaat des friedlichen Islam. Reisen in den Oman sind in den vergangenen Jahren immer einfacher geworden und eignen sich gut für Individualtouristen (auch für alleinreisende Frauen) als Einstieg in ein arabisches Land. Änderten sich die Visabestimmungen früher monatlich, so ist jetzt fix, dass man, wenn man aus Dubai einreist, kein Visum braucht (allerdings eine Zusatzversicherung für das Auto, die man spätestens an der Grenze abschließen kann, und einen Ausreisestempel im Pass in Hatta).

Die Frauen sind im Oman gleichberechtigt (ein Grundgesetz von 1996 legt das fest), sie arbeiten (20 Prozent der Regierungsangestellten sind weiblich), fahren Auto, studieren, und es steht ihnen frei, ein Kopftuch zu tragen oder nicht (viele tragen eines). Der Oman ist weltoffen, trotzdem hält man nicht viel vom Massentourismus. Es gibt wenige Hotels, deshalb sollte man unbedingt schon von zu Hause aus (aber durchaus individuell) buchen.

Die gemütliche Fahrt von Dubai aus geht durch Wüstenlandschaft, vorbei an frei laufenden Kamelen, über den Gebirgsgrenzort Hatta, direkt an die Küste des Oman. Wie langsam die Autos hier fahren! Alles ist gemütlicher, obwohl die Straßen breit und gut sind (der Kreisverkehr dominiert) und alles unglaublich gepflegt ist. Kaum zu glauben, dass es noch in den 70er-Jahren nur eine Straße gab.

Der charismatische Sultan Qaboos hat aus einem zutiefst rückständigen, isolierten Land einen modernen Staat gemacht. Der Oman hat in den vergangenen dreißig Jahren eine Entwicklung hingelegt, für die andere Staaten gut dreihundert Jahre brauchen, und das ohne abzuheben, ohne seine Wurzeln zu verleugnen. Man sieht noch viel von der Tradition, die Männer tragen ihre Dishdashas, ihre meist strahlend weißen Kleider und ihre bunten Kappen.

In Sohar, dem Geburtsort von Sindbad dem Seefahrer

... heute ein unspektakulärer Fischerort, läuft die Zeit gemächlich. Die Lehmhäuser sehen tagsüber wie kleine Festungen aus, trotzend gegen die Sonne, abends wird vor ihnen gegrillt und gesellig zusammengesessen. Sohar ist als Ort nicht sonderlich interessant - man kann Sonnenschein am Strand tanken -, aber man bekommt ein Gefühl dafür, wie behutsam sich Tradition mit Moderne hier mischen. Man wird langsamer und gewöhnt sich an den Rhythmus des Landes, an die Gebetsaufrufe, die Basare, die hier Souks heißen, morgens und abends, die leeren Straßen nachmittags. Und man erfährt hautnah, wie nett und offen die Menschen hier sind, auch wenn sie Tourismus kaum gewohnt sind.

Klar, man ist in seinen Jeans ein Alien in dieser Kleinstadt, man wird neugierig angeschaut, freundlich angelächelt, aber angenehm dezent in Ruhe gelassen. Kopftuch und Nike, Dishdasha und Jeans - irgendwie geht das ohne Stress zusammen. Wenn man in den Oman möchte, dann sollte man gerne Auto fahren: Das Land ist so groß wie Italien und hat gerade einmal mehr Einwohner als Wien (ca. 2,3 Mio). Muscat, die Hauptstadt, ist anders als man von einer 400.000 Einwohnerstadt erwartet. Muscat ist eine Megacity im Miniaturformat, ein Kind der autobegeisterten 70er-Jahre - als man auf Fußgänger ganz vergessen hat. So kommt es nicht selten vor, dass jemand einfach quer über die Autobahn läuft. Man spricht in Muscat (der Name hat nichts mit der Muskatnuss zu tun!) von "Capital Area", weil sich die Stadt aus mindestens sechs Städten zusammensetzt, die durch Schnellstraßen verbunden sind. Am idyllischsten ist Mutrah, ein Küstenort, der französisches Flair ausstrahlt.

Der riesige Souk ist überdacht und reich an Angeboten aller Art: tausend Düfte, Weihrauch, den typischen Krummdolch, der auch im Staatswappen ist, Stoffe, Goldschmuck. Es beginnt das Taschenrechnerspiel - der Händler tippt einen Betrag ein, man selbst einen viel niedrigeren, usw. Fast alle können Englisch, was das Handeln noch leichter macht.

Im Hotel Marina, beim Fischmarkt, sitzt man im Restaurant über den Dächern der Stadt, bestellt eine Wasserpfeife (Apfelgeschmack ist am häufigsten) und schaut auf die riesigen Schiffe des Sultans (er fliegt nicht gern). Noch südlicher, nicht weit von Mutrah, liegt das Nobelhotel Al Bustan, eine Mischung aus Kathedrale, Moschee und Hotel. Für 30 Euro kann man auch als Nichtgast den Strand (eine malerische Bucht) und das Strandbuffet genießen.

Am anderen Ende von Muscat

... im Norden, liegt ganz versteckt beim Flughafen eine unscheinbare, kleine Fabrik: Amouage, übersetzt "Wellen der Emotion", ist Omans bekanntester Parfumexport. Oman, das Land der Düfte - im Süden wird der beste Weihrauch der Welt geerntet -, hat ein Parfum, das die französische Supernase Guy Robert 1983 kreiert hat, das ursprünglich nur in Goldflakons verkauft wurde und so als das teuerste Parfum der Welt galt (mittlerweile aber leichter erschwinglich ist). In der Amouage-Fabrik kann man an Führungen teilnehmen und sehen, wie das in alle Welt exportierte, exklusive Duftwasser ("der Rolls-Royce der Parfums") abgefüllt wird.

Nur fünf Leute arbeiten hier, jedes Stück wird handsigniert. Qualität regiert. Im Grunde ist die Amouage-Fabrik so etwas wie der Oman en miniature: modern genug, um altmodisch zu agieren, selbstbewusst klein und fein - und das soll auch so bleiben. Wenn man mehr Action will, dann macht man einfach einen Tagestrip nach Dubai - fünf Stunden Fahrt und fünfzig Kamele am Straßenrand, und schon ist man da.
(Der Standard/rondo/15/04/2005)

Ein Selbstfahrversuch von Karin Cerny

Info:
Hotel "Al Bustan Palace": al-bustan.interconti
nental.com
Fabrik Amourage

Hotel Marina: email; oder
Tel.: 00968 / 247 13 100 oder 247 14 343
  • Eine Oase am Straßenrand
    foto: standard/cerny

    Eine Oase am Straßenrand

  • Im Bazar...
    foto: standard/cerny

    Im Bazar...

  • Die Küstenpromenade von Sohar
    foto: standard/cerny

    Die Küstenpromenade von Sohar

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