Antikes Acapulco auf Kreidefelsen

20. Mai 2005, 10:10
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Das wildromantische Lefkas, das mondäne Kefalonia und Zakynthos und die "Blume der Levante"

Die Wasser einer weiten Lagunenlandschaft plätschern sanft gegen die Ufer, und das Schilf zeichnet zittrige Schnörkel ins stille, wässrige Blau. Wer hinter Lefkas' verschlafenem Hauptort Lefkada die Serpentinen hinauffährt, blickt auf ein amphibisches Puzzle aus Lagunen, Landzungen und schmal aufgeschütteten Straßen zurück.

Einsam zerbröseln Reste venezianischer Burgen am einst strategisch bedeutsamen Platz. Behäbig schwenkt eine drehbar gelagerte Eisenbrücke hin und her. Vielleicht liegt es an diesem sanften Übergang vom Festland zur Insel, dass Lefkas vom Tourismus die längste Zeit übersehen wurde.

Eine wahre Perle

Dass es sich um eine wahre Perle unter den Ionischen Inseln handelt, hatten die Griechen schon vor Langem herausgefunden. Indizien dafür gab es ja allemal: Man denke nur an die Regenbogenpresse aus dem Jahre Schnee und an den Tankerkönig Onassis, der sich just hier seine ganz private Mittelmeer-Rosine herauspickte. Wenn es trotzdem immer wieder Zoff mit der Operndiva Maria Callas und hinterher mit Jackie O. gab, dann lag es wohl kaum an der intimen Privatinsel Skorpios.

Sie liegt als perfektes Clan-Hideaway vor Lefkas' Nidrí-Bucht, in der die weißen Segelboote wie Federn im vorgelagerten Inselgewirr treiben. Nidrí gilt denn auch als touristische Hochburg der Insel, mit einer illuminierten Hafenpromenade, an der sich dörfliche Tavernen-Originale längst werbewirksam von Nico in "Nick the Greek" verwandelt haben.

Doch Lefkas' eigentliche Reize stellen sich trotzdem erst weiter westlich ein. Liebevoll terrassierte Hügelchen tauchen da auf und umzingeln intakt gebliebene Bauernorte wie Kariá in silbrig schimmernden Ölbaum-Wellen. Plötzlich aber geben vor allem das tiefer gelegene Meer und eine spektakulär steil abfallende Küste den Ton an.

Es ist der Zauber eines schwebenden Blaus, das sich an weißen Kreideklippen reibt. Milchige Schlieren umspülen den Strand, machen ihn pudrig, dicken die Dünung wie mit Schlagobers ein. Die eigentliche Signatur der Ionischen Inseln? Sie ist in weißer Kreide ins Meer eingeschrieben.

Wo immer sich Felsen dieser Art fanden, wurden sie ein Welterfolg. Oder zumindest eine Vorzeigelandschaft einer ganzen Region. Die Klippen von Dover, die dänische Insel Mon bezeugen dies. Die Kreidefelsen der Ionischen Inseln stellen da keine Ausnahme dar. Allen voran Zakynthos' legendäre Shipwreck-Beach, die ohne weißen Felsengrund und milchig blaue See doch nur ein rostiger Kahn im Sand wäre. Beauty-Beach Nummer zwei oder zumindest eine der meistfotografierten Strandschönheiten Griechenlands ist Porto Katsiki im Südwesten Lefkas' - eines jener heimtückischen Sehnsuchtssujets, mit denen das griechische Tourismusamt Tavernenwände zwischen Nordkap und Sizilien tapezieren lässt.

Anreise als Vorgeschmack

Einen Vorgeschmack bietet bereits die lange, meist hoch über dem Meer verlaufende Anreise. Stichstraßen führen zu feinsandigen Buchten, zunehmend schimmert unter dem Hellgrün der frischen Pinienzweige das kreidige Weiß der Steilküste herauf. Endstation von Lefkas' "Wildem Westen" sind die zwei atemberaubenden Katsiki-Buchten aber nicht.

Ein Feldweg zweigt bereits früher zum Lefkadischen Felsen ab. Ein antikes Acapulco für Dramatiker ragt hier sechzig Meter hoch aus dem tosenden Ozean auf. Oder fällt sechzig Meter tief ab, wenn man es aus der rasanten Perspektive der hier Hinuntergestürzten betrachtet. Verbrecher wurden einst zu dieser Route gezwungen, auch wenn sie den freien Fall der Legende nach mit Federn und Vogelschwingen bremsen durften.

Vom Apollo-Tempel, der einst hier stand, ist nichts mehr geblieben, ein Leuchtturm hat ihn abgelöst. Doch Wind, Himmel, Kreidefelsen und Meer verweben sich weiterhin zum Stoff, aus dem die Mythen gewoben sind. Etwa jene der schönen Aphrodite, die sich hier liebeskrank ins Meer stürzte. Schuld war wieder einmal Adonis, den sie nicht mehr vergessen konnte. Und auch eine Dichterin kam geflogen: Sappho vergaß hier im freien Fall den schönen Jüngling Phaon und erlebte ihre allerletzte Schwebe in begnadeter Umgebung.

Schweres Blau

... die Brandung der wummernden Bässe, die steile Klippe des Designertresen warten jenseits des Meeresarms, der Lefkas von der Nachbarinsel Kefalonia trennt, auf schicke Klientel. Coole Architektur und ein Hauch von Jetset machen hier das "Emelisse Art Hotel" der Emblissi-Bucht zum trendigsten Flecken der gesamten Ionischen Inselwelt.

Mondän, zumal für die Verhältnisse eines fast tausendjährigen Fischerdorfes, gibt sich aber auch das nahe Fiscardo, der allerfeinste Yachthafen des Archipels. Wie Bonbons kleben die Häuser hier am Pier, und in den Restaurants verdrängen Hummer und Sektkübel Moussaka & Co. Der Ort gilt als elegantester Insidertipp weit und breit und lockt dabei auch eine mittlere Armada gut betuchter Segler an.

Doch die Erfolgsstory des pittoresken, nach dem Normannen-Boss Robert Guiscard benannten Fiscardo ist zugleich die Geschichte einer Katastrophe. Im Jahre 1953 legte ein Erdbeben auf Kefalonia siebenundneunzig Prozent aller Häuser flach, darunter auch die schöne, venezianische Bausubstanz der heute gesichtslosen Hauptstadt Argostoli.

Das auf einer soliden Steinplatte gebaute Fiscardo kam mit einigen Prellungen und gesprungenen Fensterscheiben davon und wird seither als eines der letzten traditionellen Dörfer entsprechend gehätschelt. Bereits in den Siebzigern, als Griechenland die klebrige Liebe zum Neubaubeton entdeckte, setzte man hier auf subtile Restaurierung.

Ausklang in Zakynthos. Am besten erlebt man ihn auf Nikos' langem schmalen Steg. Der Mann verließ Zakynthos, weil es ihn zunächst zur Marine verschlug und später auf Luxuskreuzer in die Karibik. Ein moderner Odysseus, der als Schiffskoch gegen Hummer und Moskitos kämpfte und dessen Circen vermutlich Salsa tanzten. Jetzt ist Nikos' Irrfahrt vorbei, und er darf sich auf seinem Stück Land wie ein heimgekehrter König fühlen.

Ein kleines Königreich ist Nikos' noble "Villa Nobelos" denn auch. Tiefblaues Meer, solides Gestein, salziger Ziegenkäse, bester Honig von den duftenden Weiden der Bienen - so sehen die elementaren Zutaten aus. Die Kefalonia-Fähre, die im ewigen Pendel vor seiner Nase hin- und herzieht, gibt dem Sesshaften Recht. Besser König auf Zakynthos als Kaiser im Zyklopenland. Besser ein früher Morgen-Swumm an der Shipwreck-Beach als schiffbrüchig im Ozean der Haubenköche.

Auf den Spuren der Venezianer

Andere heften sich lieber auf die Spuren der Venezianer, die Zakynthos einst "Blume der Levante" nannten und es stärker als alle anderen Ionischen Inseln prägten. Davon zeugen frei stehende Glockentürme, restaurierte Villen im Zypressen-Rahmen und auch die alten Mandolato-Zucker- bäckereien, in denen Mandelmus, Milch und Eigelb zum historischen Dessert erstarren.

Davon zeugen aber auch Nächte, wie man sie mit ein wenig Glück in der verrauchten Kneipe "Arekia" erleben kann. Weinkaraffe, Hirtenteppich, saftige Krautrouladen, alles da. Und auch der Star steht längst auf dem Tisch. Der Mann ist stolze 98 Lenze jung, erinnert an Methusalix und singt für sein Leben gern Kantaden, jene vierstimmigen Lieder, die die Venezianer Zakynthos einst vererbten. In sonderbar wehmütig klingendem Griechisch hallen sie durch die Nacht. Und nicht zu vergessen, mit einem Knalleffekt: dem allabendlichen Sprung des singendend Methusalem vom Tisch auf den Tavernenboden. Ein kleiner Lefkadischer Felsen auch das.
(Der Standard/rondo/15/04/2005)

Ein ionischer Inseldreisprung von Robert Haidinger

Info:
Nobelos Luxury Suites Zakynthos, Ag. Nikolaos Volimes, Tel.: 26950-31400, Fax 26950-3111
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Nobelos

Emelisse Art Hotel Kefalonia, Fiscardo, Eblissi Bay, Tel/Fax. 026740-41200
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Arthotel

Taverna Arekia, Zakynthos Stadt, Odos Krionéri 86

Griechenland Tourismus: A-1010 Wien, Opernring 8, Tel.: 512 53 17, Fax 513 91 89; Email

Im Sommerflugplan der Lauda Air finden sich insgesamt 19 Destinationen in Griechenland, darunter Kefalonia und Zakynthos
Lauda Air
  • Die "Shipwrexk-Beach" auf Zakynthos
    foto: standard/haidinger

    Die "Shipwrexk-Beach" auf Zakynthos

  • Die Lobby des trendigen "Emelisse Art Hotel" auf Kefalonia
    foto: standard/haidinger

    Die Lobby des trendigen "Emelisse Art Hotel" auf Kefalonia

  • Café und Taverne im mondänen Fischerdorf Fiscardo
    foto: standard/haidinger

    Café und Taverne im mondänen Fischerdorf Fiscardo

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