Lehrplan für besseres Lernen

25. Oktober 2006, 14:00
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Die Zukunftskommission hegt in ihrem Endbericht Sympathie für die Gesamtschule - Ent­scheiden soll aber eine neue Expertenrunde

Zwei Jahre haben sie nachgedacht über die Schule der Zukunft - zuerst vier, dann fünf Bildungsexperten, die in der von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP) nach der ernüchternden ersten Pisa-Studie im Frühjahr 2003 installierten "Zukunftskommission" saßen. Am Mittwoch, nach mehreren Verschiebungen, präsentierte Kommissionsvorsitzender und Pisa-Österreich-Chef Günter Haider den Abschlussbericht des Gremiums (Grafik).

Haider machte klar, was er, Ferdinand Eder, Werner Specht, Christiane Spiel und Manfred Wimmer für den Dreh- und Angelpunkt in der Schule halten: "Im Mittelpunkt steht der Unterricht. Wir wollen Schule und Unterricht optimieren. Die Qualitätsentwicklung stellen wir über Strukturreformen."

Der Qualität abträglich sehen die Experten das Sitzenbleiben. Klassenwiederholungen sollen massiv eingeschränkt werden, von einem Abschaffen des Sitzenbleibens in der AHS-Oberstufe, wie in Presseberichten gemeldet wurde, ist aber keine Rede. Sehr wohl aber soll ein Kurssystem angestrebt werden, "aber das muss man sehen, wie es zu einem Klassensystem in der Volksschule passt", sagte Gehrer.

Haider nannte als weitere "Prinzipien" mehr Autonomie und Selbstverantwortung für die Schulen, die Lehrerausbildung müsse durch eine "kriterienbezogene Auswahl" reguliert werden.

Ministerin Gehrer nannte den Bericht eine "äußerst qualitative Wegweisung für die Zukunft", die als "Roadmap für diese und die nächste Legislaturperiode" dienen soll. Acht "Arbeitspakete" mit vier "Schulpaketen" will sie umsetzen (z.B. Schaffung Pädagogischer Hochschulen, optimierte Schulzeit, Schulbilanzen). Die Fünftagewoche, verbindliche Lesetests, frühe Sprachförderung seien auf Schiene. Sportstaatssekretär Karl Schweitzer (BZÖ) betonte, die Zweidrittelerfordernis für Schulfragen "muss und wird aufgehoben werden".

Die Strukturreformen delegiert die Zukunftskommission indes, obwohl sie sie im Bericht unter "vordringliche Maßnahmen" führt, an eine neu zu bildende Expertengruppe ("Strukturkommission"), die "ein neues Gesamtkonzept für eine Schulstruktur (von den Vier- bis zu den 18-Jährigen) erarbeiten" soll. Eine Aufgabenstellung: das Reizthema Gesamtschule.

Die Kommission selbst sieht "äußere Strukturveränderungen (Gesamtschule, Verlängerung der Volksschulzeit und der Schulpflicht . . .) sehr wohl als sinnvolle, langfristige pädagogische Projekte", man habe sich aber vorrangig um eine "innere Reform" bemüht. Prinzipiell zeigen die Kommissionsmitglieder ganz offen "eine gewisse Sympathie" für die Gesamtschule nach finnischem Vorbild, sie eins zu eins zu übertragen könnte aber schnell kontraproduktiv sein und sie sei überdies "derzeit ohne realistische Durchsetzungschance". Als "Angebotsschule" - also in Konkurrenz innerhalb des differenzierten Systems - spricht sich die Kommission aber "klar" gegen Gesamtschulen aus.

Grünen-Bildungssprecher Dieter Brosz kritisierte, viele heiße Eisen würden "in die ferne Zukunft geschoben", lobte aber etwa die Forderung nach mehr individueller Förderung und das eingeschränkte Sitzenbleiben.

SP-Pendant Erwin Niederwieser meinte: "Vom Messen und Prüfen allein wird der Unterricht nicht besser, sondern nur teurer." Die Pflichtschullehrergewerkschaft wartet ab: Es sei "spannender, was aufgegriffen wird und was nicht". AK-Präsident Herbert Tumpel untermauerte seinen Ruf nach Schulreformen mit einer Ifes-Umfrage, wonach 44 Prozent der Eltern regelmäßig daheim mit ihren Kindern lernen. Er forderte "ein verpflichtendes, gebührenfreies Vorschuljahr" und die Einleitung von Maßnahmen "für eine gemeinsame Schule bis 14". (DER STANDARD-Printausgabe, 14.4.05)

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