Vokaler Glanz als Urlaubsersatz

19. April 2005, 19:55
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Angela Gheorghiu im Wiener Musikverein

Wien - Es ist eine Stimme, von der man nicht glaubt, dass es sie noch geben könnte. Man hört einen Ton, eine Phrase, und alles ist da: Glanz, Wärme, Leichtigkeit, Glut, Volumen, mit technischer Souveränität ausbalanciert. Man erlebt die kraftvollen Crescendi, die gleißenden Spitzentöne, die zarten Decrescendi und kommt zu dem Schluss, dass es unzulänglich erschiene, für dieses Singen das Wort Perfektion zu gebrauchen.

Es ist eine Stimme, bei der man nach dem Konzert weiß, dass man sich gerade zwei Wochen Urlaub erspart hat. So weit der unkritische Teil der Kritik. Im kritischen Teil muss erwähnt werden, dass Angela Gheorghiu, eine der größten Opernsängerinnen dieser Zeit, im Großen Musikvereinssaal eigentlich hauptsächlich Lieder hätte singen sollen, Lieder aus barocken und romantischen Zeiten.

Und, ja, sie waren auch zu hören, die Jahrhunderthits der Herren Händel ("Lascia ch'io pianga"), Schubert ("Ave Maria"), Strauss ("Morgen") & Co. Doch Gheorghiu spachtelte reichlich theatralische Schminke auf die präsentierten Werkchen, und so ereignete sich da in einem jeden kleinen Lied große romantische Oper, litt Mimi oder verblich Violetta. Bei einigen Werken ("Oh! Quand je dors" von Franz Liszt etwa) passte das ganz gut, bei anderen (Schubert, Strauss) etwas weniger.

Gheorghiu hatte souveräne Mitstreiterinnen an ihrer (perfekt gestylten) Seite: die Pianistin Mihaela Ursuleasa und die Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Die beiden Musikerinnen assistierten erstklassig und folgten der rubatoreichen Melodienzeichnung Gheorghius schattengleich.

Auch bewiesen sie in zwei Duos ("Suite populaire espagnole" von Manuel de Falla und Auszüge aus den "Rumänischen Tänzen" von Béla Bartók), was alles in ihnen steckt: unbändige Kraft, Virtuosität und eine überbordende Musikalität. Großer Applaus, natürlich, und Zugaben. Und ein riesiges Dankeschön auch von dieser Seite.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.4.2005)

Von Stefan Ender
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