"Vento di terra": Gegen den Lauf der Dinge

13. April 2005, 21:28
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Einen jungen Mann und seinen Versuch, in Neapel zu überleben, begleitet Vincenzo Marra in "Vento di terra"

Der italienische Regisseur Vincenzo Marra begleitet in seinem Sozialdrama "Vento di terra" einen jungen Mann bei seinem Versuch, seiner Familie das Überleben zu sichern.


Wien – Aufblende, Abblende. In Vento di terra, dem neuen Film des italienischen Filmemachers Vincenzo Marra, gleichen die Szenen Schlaglichtern, die das erzählerische Material auf wenige, knapp gehaltene Einstellungen reduzieren. Schwarzkader rahmen sie ein, hemmen damit den Fluss des Geschehens und lassen den Film statischer erscheinen, als er im Grunde ist. Vielleicht nur, um den Eindruck einer Abwärtsspirale zu zerstreuen. Die Lebensbedingungen werden nicht schlechter, sie bleiben prekär. Nur die Umstände ändern sich.

Marra beginnt mit einem Schwenk über das Stadtpanorama Neapels. Das setzt den Ort des Geschehens fest, an dem er anhand einer Familie aus der Arbeiterklasse die sozialen Widrigkeiten eines konkreten Milieus protokolliert. Zuvorderst betrifft das die finanzielle Situation, denn für die jüngere Generation ist die Arbeitslage katastrophal. Enzo (Vincenzo Pacilli), der im Mittelpunkt des Geschehens steht, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs in Fabriken durch. Als eines Nachts unvermittelt der Vater stirbt, ist er mit der Rolle des Familienoberhaupts überfordert. Was sie ihm bedeutet, demonstriert seine Entscheidung, sich ihretwegen von seiner Freundin zu trennen.

Vento di terra ist die äußerst nüchterne Veranschaulichung eines Verelendungsszenarios. Der Familie droht die Delogierung aus ihrer Wohnung. Enzo gerät fast zwangsläufig auf die schiefe Bahn und wirkt an einem nächtlichen Raubüberfall mit. Marra inszeniert diese Entwicklungen ganz ohne dramatisches Kalkül und entgeht der Versuchung, an Enzo ein Exempel zu statuieren. Stattdessen lässt er ihn seine Tat bereuen: Der junge Mann, der die Zurichtungen des Lebens wie ein passiver Zeuge erlebt, macht nichts her als Verbrecher. Er wird hingegen Soldat.

Der distanzierte Gestus, mit dem der Film seinen Figuren eine archetypische Dimension zu verleihen versucht, wird beim Militär noch weiter ausgebaut. Enzo ist dort ein Körper unter vielen, der diszipliniert werden muss. Die Allianz zwischen den Soldaten wird nur angedeutet, die Kamera schwenkt meist beiläufig über sie hinweg. Die Institution bietet keine Alternative zu den Verhältnissen in der Stadt. Eher spiegeln die Bewegungen unter dem Drill nur die Anstrengungen wider, dem Lauf der Dinge etwas entgegenzusetzen.

Ohne Sicherheitsnetz

Für Enzo ändert sich wenig. Auch beim Militär bleibt er der stille Beobachter, den mehr die Situation seiner Mutter beschäftigt, die zunehmend unter Depressionen leidet. Marra muss ihn dabei gar nicht zum selbstlosen Helden stilisieren – er zeigt bloß immer wieder, wie er seinen Angehörigen zu Hilfe eilt, ohne dass er freilich Entscheidendes an ihrer Situation verbessern könnte.

Was an Vento di terra – vergleichbar den Sozialdramen der Dardenne-Brüder (Rosetta) – manifest wird, ist letztlich weniger die Fallhöhe der Figur als ein Gesellschaftsraum, in dem diese durch kein Sicherheitsnetz mehr aufgefangen wird. Im Unterschied jedoch zu den Dardennes, die stets eine große haptische Nähe zu ihren Protagonisten suchen, zeigt Marra kaum Empathie.

Diese Zurückhaltung lässt den Film mitunter fast grausam erscheinen, aber Marra geht es wohl um eine ungetrübte Objektivität des Blicks: Wo kaum Solidarität auszumachen ist, würde jene des Filmemachers ein falsches Signal setzen. Defätistisch ist diese Haltung deshalb nicht. Enzo bleibt auch ohne Perspektiven noch in Bewegung, und Marra, bei aller Reduktion, die Umstände der Malaise seiner Figuren nicht schuldig.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.4.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh

Ab Freitag, 15.4., im Stadtkino

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    foto: stadtkino
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