"Nicht alle Pleitiers sind Gauner"

2. Mai 2005, 11:31
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Laut Kreditschutzverband waren 2004 zwei von drei Pleiten selbst verursacht - In sechs Prozent der Fälle konnten betrügerische Handlungen nachgewiesen werden

Wien - "Pleiten mit möglichem kriminellen Hintergrund sind im Vormarsch". Dies erklärte KSV-Insolvenzexperte Hans-Georg Kantner am Mittwoch im Gespräch mit der APA. Die Zahl der Pleiten, bei denen ein Konkursverfahren mangels Masse abgelehnt wurde, ist im Vorjahr um ein Viertel auf 3.300 Fälle gestiegen.

Laut Kantner besteht "in jedem dieser Fälle der latente Verdacht" auf Kreditbetrug, undurchsichtige Machenschaften oder zumindest Gläuberbenachteiligung. Zumindest ein Drittel, also mehr als 1.000 Fälle, dürften nach Schätzung des KSV "bedenklich sein".

Eine genaue Insolvenzursachen-Statistik gibt es nur für jene Pleiten, in denen ein Insolvenzverfahren eröffnet wurde. Dabei konnte im Vorjahr in knapp sechs Prozent der Fälle betrügerisches Handeln nachgewiesen werden. Der Anteil hat sich damit gegenüber 2003 um einen weiteren Prozentpunkt erhöht.

Jede zehnte Insolvenz "vorwerfbar"

Bezieht man neben Betrug auch überhöhte Entnahmen im Privatbereich, Spekulationen und Vernachlässigung der Geschäftsführung ein, stuft der Kreditschutzverbandes von 1870 (KSV) mittlerweile jede zehnte Insolvenz, über die ein Verfahren eröffnet wurde, als "vorwerfbar" ein. Der Anteil in der Insolvenzursachen-Statistik hat sich damit seit dem Jahr 2000 beinahe verdoppelt.

Wie berichtet, hatte es im Vorjahr in Österreich einen neuen Pleitenrekord gegeben. Insgesamt stieg die Zahl der Firmenpleiten um 11,2 Prozent auf 6.273 Fälle. Von den 2.700 Fällen, über die ein Insolvenzverfahren eröffnet wurde, waren 68 Prozent, also mehr als zwei von drei Insolvenzverfahren auf Eigenverschulden - konkret auf Managementfehler im innerbetrieblichen Bereich, Fahrlässigkeit oder persönliches Verschulden der Unternehmer - zurückzuführen.

"Nicht alle Pleitiers sind Gauner"

Der Insolvenz-Experte verteidigt die Unternehmer jedoch. "Nicht alle Pleitiers sind Gauner", betonte Kantner. Im Gegenteil, der überwiegende Teil der gescheiterten Unternehmer seien "fleißige Leute", die sich lediglich übernommen hätten. Vielen wäre mit rechtzeitiger Beratung zu helfen gewesen, meint der KSV-Experte.

Oft sei der Handlungsspielraum für mittelständische Unternehmen aber gering. Insolvenzverfahren seien für die Unternehmen dabei oftmals die Chance für einen neuen Anfang.

40 Prozent der Konkurse würden im einen Zwangsausgleich münden, dem Unternehmen wird dann ein Teil der Schulden erlassen. Betriebe, die dann ihre Geschäft fortsetzen würden, seien nach einer Studie in der Regel erfolgreicher als andere.

Schärferes Vorgehen gegen schwarze Schafe

Gerade um "schwarze Flecken auf der Weste der ehrlich Gescheiterten zu verhindern", fordert der KSV-Insolvenzexperte ein schärferes Vorgehen gegen schwarze Schafe. Immer mehr Unternehmer würden die Pleite ohne Konkursverfahren als "bequeme Möglichkeit" nützen, ihre Betriebe zu liquidieren. Dem müsse ein Riegel vorgeschoben werden.

Der öffentlichen Hand würden dadurch zwar höhere Kosten im Bereich der Strafbehörden entstehen. Zunehmende Aktivitäten der Wirtschaftspolizei hätten aber abschreckende Wirkung und das würde sich dann auch für den Steuerzahler rechnen. Denn gerade bei Pleiten ohne Verfahren seien die Finanz und die Gebietskrankenkasse meist die hauptgeschädigten Gläubiger, betont Kantner. (APA)

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