Zukunftskommission präsentierte brisante Vorschläge zur Schulreform

25. Oktober 2006, 14:00
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Endbericht enthält "Reizthemen": Sitzenbleiben nur noch in Ausnahmefällen, Eignungsprüfung für LehrerInnen, Recht auf Ganztags-Betreuung, mehr Autonomie

Mit weit reichenden Reformvorschlägen wartet die von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer eingesetzte Zukunftskommission für das Schulwesen in ihrem Abschlussbericht auf. Gegenüber dem viel diskutierten Zwischenbericht vor rund eineinhalb Jahren haben sich die "Reizthemen" kaum verändert.

Die wichtigsten Vorschläge

EINSCHRÄNKUNG DES SITZENBLEIBENS:

Die Kommission steht auf dem Standpunkt, dass "das Wiederholen einer Klassenstufe - von Einzelfällen abgesehen - keine effiziente Maßnahme der Lernförderung" ist. Und: "Beim generellen Repetieren als schulorganisatorischer Maßnahme zur Aufrechterhaltung der 'homogenen Klassenstruktur' erscheinen in Summe die Nachteile deutlicher größer als die Vorteile". Statt der Wiederholung von Schulstufen sollen fehlende Kompetenzen durch begleitende Kurse im laufenden Schuljahr nachgeholt werden. Konkret wird vorgeschlagen, in der Pflichtschule das Sitzenbleiben nur auf Antrag der Erziehungsberechtigten durch einen entsprechenden Beschluss der Konferenz zu ermöglichen. In der AHS-Oberstufe soll ein Kurssystem eingeführt werden. Im berufsbildenden Schulbereich sind keine organisatorischen Maßnahmen geplant: Das Sitzenbleiben soll hier durch Mindeststandards für den Übertritt in eine berufsbildende mittlere bzw. höhere Schule, konkrete Zielvorgaben für Schüler sowie die Veröffentlichung der Repetentenraten in den jährlichen Schulbilanzen eingedämmt werden.

KURSSYSTEM:

In der AHS-Oberstufe wird ein "leistungsdifferenziertes Kurssystem" statt des derzeitigen Jahrgangssystems vorgeschlagen. In den Pflichtfächern sollen viertel- bzw. halbjährliche Kurse auf unterschiedlichen Niveaustufen angeboten werden. Bei Nichterfüllen der Anforderungen in einem Kurs muss nur dieser wiederholt werden.

LEHRER-AUSBILDUNG:

Zunächst sollen alle Lehrer (inklusive Kindergartenpädagogen) eine gemeinsame Grundausbildung in Form eines Bachelor-Studiums an den neu zu schaffenden Pädagogischen Hochschulen (sechs Semester) absolvieren. Dieses umfasst Pädagogik, Psychologie sowie Didaktik und Unterrichts- bzw. Erziehungspraxis. Daran schließen sich Masterstudiengänge für Kindergartenpädagogik, Grundschulpädagogik, Pädagogik/Sekundarstufe I (Hauptschule/AHS-Unterstufe), Pädagogik/Sekundarstufe II (AHS-Oberstufe/BMHS). Die Ausbildung erfolgt nicht nach den bisherigen Gegenständen, sondern für Fächerbündel (z.B. Naturwissenschaft, Sozial-/Kulturwissenschaft etc.)

ZUGANGSBESCHRÄNKUNG ZU LEHRER-AUSBILDUNG:

Zur Qualitätssicherung schlägt die Kommission eine Studienplatzbewirtschaftung wie an den Fachhochschulen vor. Die Studenten-Auswahl soll in einer Einführungsphase samt diagnostischem Eignungstest erfolgen.

FLEXIBLES ARBEITSZEITMODELL FÜR LEHRER:

Die Anzahl der vom Lehrer zu unterrichtenden Stunden soll von seiner zusätzlichen Arbeit bei der Schulentwicklung bzw. der Schulprogrammarbeit abhängig werden. Folge: Wer wenig oder keine zusätzliche Arbeit übernimmt, unterrichtet deutlich länger.

NEUES LAUFBAHNMODELL FÜR LEHRER:

An den Schulen soll eine Art mittleres Management geschaffen werden, zum Beispiel Abteilungsleiter, Qualitätsmanager oder Medienbeauftragter. Vorrückungen müssen mit konkreten Leistungsnachweisen verbunden werden. Fortbildung soll in der Regel außerhalb der Unterrichtszeit erfolgen und einen Mindestumfang pro Jahr betragen (z.B. eine Arbeitswoche). Die Pragmatisierung entfällt.

ANWESENHEITSPFLICHT FÜR LEHRER:

Die Kommission empfiehlt die "Schaffung der dienstrechtlichen Grundlagen für eine verpflichtende Anwesenheit von LehrerInnen in der Schule zu einer (vom Schulleiter mitbestimmten und) festgelegten Kernarbeitszeit". Weiters wird eine verpflichtende Anwesenheit während der letzten Ferienwoche zur Abhaltung der Wiederholungsprüfungen sowie der Erstellung des Stundenplans und der restlichen Vorbereitung auf das Schuljahr angeregt.

FRÜHFÖRDERUNG:

Die Kommission schlägt sprachliche Frühförderung in Form eines verpflichtenden Vorschul- oder Kindergartenjahrs vor. Dieses dürfe aber nicht auf kognitive Kompetenz und die deutsche Sprache allein gerichtet sein, sondern auch auf Kommunikationsfähigkeit und Stärkung der Herkunftssprache. Deutschsprachige und nicht-deutschsprachige Schüler sollen gemeinsam gefördert werden.

AUTONOME ANORDNUNG DER UNTERRICHTSZEIT:

Künftig soll der Umfang der in einem Fach anzubietenden Unterrichtszeit in "normalen" Stunden á 60 Minuten angegeben werden. Als Normeinheit soll gelten, dass eine bisherige Jahreswochenstunde von 36 Einheiten á 50 Minuten künftig 1.800 Minuten (30 Stunden) entspricht. In der Verteilung ist die Schule weitgehend frei, auch die Länge der Unterrichtseinheiten (z.B. zwischen 45 und 60 Minuten), die Einrichtung von Doppelstunden oder die Zusammenlegung von Blöcken kann von der Schule bestimmt werden.

UNTERRICHTSGARANTIE:

Für diese jahresbezogene Unterrichtszeit soll die Schule eine Unterrichtsgarantie abgeben. Toleriert wird nur ein Stundenausfall von fünf Prozent pro Fach und insgesamt fünf Prozent pro Klasse bei entsprechender Begründung.

LERNZIELKATALOGE UND BILDUNGSSTANDARDS:

Die Lehrer sollen für das jeweilige Schuljahr konkrete Lernziele für die Grundkompetenzen in ihren Fächern formulieren (Lernzielkataloge), die sich an den Bildungsstandards für das jeweilige Unterrichtsfach bzw. am Kernbereich des Lehrplans orientieren. Dadurch soll eingeschätzt werden können, ob die Ziele von den Schülern erreicht wurden. Bildungsstandards wiederum soll es für die Fächer Mathematik, Deutsch (vierte und achte Schulstufe) und Englisch (Lebende Fremdsprache/8. Schulstufe) geben - in ihnen will die Kommission die Mindestanforderungen festlegen. Ob sie erreicht werden, soll jährlich zentral erhoben werden. Rankings sollen nicht erstellt werden, die Daten werden anonymisiert für ein nationales System-Monitoring verwendet.

RECHT AUF GANZTÄGIGE BETREUUNG:

Jedes Schulkind im Alter von sechs bis 14 Jahren soll einen gesetzlichen Anspruch auf Betreuung auch über die Unterrichtszeit hinaus haben, wenn die Eltern dies wünschen. Dieses Anrecht bezieht sich nicht auf eine bestimmte Schule, muss aber innerhalb eines zumutbaren Schulwegs abgedeckt werden. Umfang und Art der Betreuung (Nachmittagsbetreuung oder Ganztagsschule) soll hauptsächlich in der Entscheidung der Erziehungsberechtigten liegen (nicht der schulpartnerschaftlichen Gremien, in denen auch die Lehrer vertreten sind).

PERSONELLE AUTONOMIE DER SCHULEN:

Bei Personalfragen (etwa Lehrer-Einstellung) soll jede Entscheidung zwischen Behörde und Schule nur einvernehmlich getroffen werden. Den Schulen soll mindestens ein Veto-Recht zukommen.

GLOBALBUDGET FÜR SCHULEN:

Mittelfristig sollen die Schulen Budgetentscheidungen für den laufenden Betrieb innerhalb globaler Vorgaben selbst treffen. Werteinheiten für die Lehrtätigkeit sollten etwa nach Anzahl der Schüler, deren sonderpädagogischem Förderbedarf bzw. der Zahl der Schüler mit nichtdeutscher Muttersprache vergeben werden. Parallel dazu will die Kommission die Aufstockung der Lehrer-Ressourcen für ein Begleitlehrersystem in der Volksschule.

ABBAU ZENTRALER REGELN FÜR KLASSEN- ODER GRUPPENGRÖSSEN:

Alle Entscheidungen über Klassen- oder Gruppengrößen sollen am Standort getroffen werden. Vorgegeben werden nur Richtwerte für die Obergrenze aus Sicherheitsgründen und die Regelung der Ressourcen (Werteinheiten auf Basis der Schülerzahlen).

AUSBAU DER SCHULPARTNERSCHAFT:

Die Kommission schlägt die Ausweitung der demokratischen Mitbestimmung in den Schulpartnerschaft auf die Unterstufenschüler (Zehn- bis 14-Jährige) vor (derzeit erst ab der neunten Schulstufe).

LEHRER-EVALUIERUNG:

Lehrer sollen verpflichtet werden, mindestens einmal im Schuljahr aus mehreren Klassen Rückmeldungen über die Qualität ihres Unterrichts einzuholen.

SCHULBILANZ:

Jede Schule hat für jedes Schuljahr eine schriftliche Schulbilanz zu erstellen. Inhalt könnten etwa statistische und demografische Angaben zu den Schülern, die Anzahl der reichten Abschlüsse, die Notenverteilung, Ergebnisse in standardbezogenen Leistungstests, die Anzahl der Lehrer- und Schüler-Fehlstunden etc. sein. (APA)

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    Die Zukunftskommission für die Reform des Schulwesens präsentierte am 13. April 2005 in Wien im Rahmen einer Pressekonferenz ihren Endbericht. Im Bild Elisabeth Gehrer und Pisa-Studienkoordinator Günter Haider während der Pressekonferenz.

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