Die kleinen Krieger des Michael Groß

22. Mai 2006, 18:01
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Ein Simmeringer verkauft lebende Pestizide - erst subventioniert, jetzt auf eigenen Füßen

Der Satz gilt. Auch in Simmering: „Si vis pacem, para bellum“ – aber weil Michael Groß nicht die Sorte Feldherr ist, der sein Motto an eine Kasernenmauer schreibt, sucht man in seinem Hauptquartier vergebens nach dem Satz „Wenn du den Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor.“

Moderner Feldherr

Vielleicht liegt das ja daran, dass Michael Groß ein moderner Feldherr ist. Keiner von denen, die eine große, schwerfällige Armee in die „offene Feldschlacht“ schicken, sondern einer, der mit kleinen, hochspezialisierten Söldnern genau definierte Kommandoeinsätze durchführt: Effizient. Präzise. Tödlich.

Aber auch das würde man dem Hauptquartier nicht ansehen: irgendwo im Nirgendwo des Simmeringer Haidelandes. Zwischen Entsorgungsbetrieben und Flughafenautobahn. Da, in einem gerade 200 Quadratmeter großen Glashaus züchtet Groß seine „Soldaten“. Auf, an, unter und um Tabakpflanzen.

Lebende Pestizide

Aber der 42-jährige studierte Biologe aus Oberösterreich nennt seine Einsatzkräfte nicht Soldaten. Groß sagt „Nützlinge“. Schließlich züchtet Groß’ Firma Biohelp Schädlingsbekämpfer. Lebende Insektizide. Käfer, Fliegen, Raupen, Milben oder Viren: Wenn irgendwo in Österreich ein Glashaus, ein Wintergarten oder Obstbaum von Blattläusen oder anderem Getier befallen und gequält wird, weiß Michael Groß Rat und schickt ein Brieflein (oder eine Zündholzschachtel oder eine Dose) voll Hilfe – seine Nützlinge eben.

Vor allem Berufsgärtner wissen das seit 1988 zu schätzen – in diesem Jahr wurde Biohelp als Boku-Forschungsprojekt unter tatkräftiger Hilfe von Stadt Wien und Landwirtschaftsministerium gegründet. Denn die chemische Keule killt alles, was – eventuell auch hilfreich – in einem Glashaus kreucht und fleucht. Sie gefährdet auch den Menschen – den Gärtner, der mit dem Gift arbeitet, ebenso wie den Konsumenten. Ganz zu schweigen vom Thema „Resistenz.“

Anti-Idylle

Davon, dass Blattläuse, Thripse und Dickmaulrüssler gegen Marienkäfer, Florfliegenlarven und Co „resistent“ werden, hat aber noch niemand gehört. Dass eine von ihnen „beschützte“ Gurke dadurch Giftstoffe aufnimmt, auch nicht. Und dass das Gemetzel, das sich entwickelt, sobald die Nützlinge auf ihre Beute losgelassen werden (unter dem Mikroskop) der romantischen Idylle einer Bio- Gärtnerei nicht ganz gerecht wird, irritiert Groß nicht: „Das ist der normale Struggle for Life – auch wenn wir den gerne ausblenden. Es ist sicher nicht fein, gefressen zu werden – aber mit chemischen Mitteln vernichtet zu werden ist nicht angenehmer. Doch im Gegensatz zur konventionellen Schädlingsbekämpfung tun wir nichts anderes als das, was die Natur selbst auch tut.“

Auf eigenen Beinen

Im Gegensatz zur chemischen Keule hinterlässt der Nützling keine Rückstände: Gibt es kein Futter, verschwindet er. Dass dieses Konzept wirtschaftlich aufgeht, beweist Groß mit seinem mittlerweile 15-köpfigen (Menschen-) Team: Betrug die Subvention zu Gründungszeiten noch das Achtfache des Jahresumsatzes (damals 3000 Euro), steht das Unternehmen nun (Jahresumsatz 2004 etwa 800.000 Euro) auf eigenen Beinen – und verkündet jährliche Umsatzzuwächse von 30 und mehr Prozent.

Auch Private

Heuer zielt das Unternehmen erstmals neben Gemüsegärtnern („wir sind im Wiener Umland in etwa 95 Prozent der Glashäuser“) auch auf den privaten Pflanzenfreund – und brachte einen Hobbygärtner-Katalog heraus. Freilich, betont Groß, dass er nicht jedes Zimmerpflanzen- Wehwehchen heilen kann: „Nützlinge sind sehr spezifische Schädlingsbekämpfer. Wenn jemand seine Yuccapalme aus dem Möbelhaus retten will, empfehle ich meistens, eine neue zu kaufen, das ist meistens billiger.“ (Thomas Rottenberg, DER STANDARD Printausgabe, 13.04.2005)

Webtipp:

Biohelp
  • Artikelbild
    foto: standard/corn
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