13. April 1945 - Tag des Vergessens? - Von Oliver Rathkolb

9. Mai 2005, 14:33
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Anmerkungen zur Logik des selektiven Erinnerns

Ausgerechnet im "Gedankenjahr" ist der Tag, an dem Wien vom NS-Regime befreit wurde, aus dem offiziellen Gedächtnis der Republik gestrichen - Anmerkungen zur Logik des selektiven Erinnerns.


Am 13. April 1946 feierten Bundespräsident Karl Renner, Bundeskanzler Leopold Figl und Vertreter der Bundesregierung sowie alle vier alliierten Hochkommissare am Schwarzenbergplatz, der teilweise in Stalinplatz umbenannt worden war, mit einer glanzvollen Parade amerikanischer, britischer, französischer und sowjetischer Ehrenkompanien die Befreiung Wiens.

An diesem Platz erinnert bis heute das Denkmal zu Ehren der Soldaten der Sowjetarmee an die großen Menschenverluste während der Kämpfe um Wien, durch die die Verbände der Deutschen Wehrmacht und der SS sowie des "Volkssturms" zum Abzug bzw. zur Aufgabe gezwungen worden waren; einzelne Widerstandskämpfer um österreichische Wehrmachtsoffiziere bzw. Unteroffiziere der Gruppe um Major Carl Szokoll und Ferdinand Käs hatten Informationsarbeit geleistet und dabei ihr Leben aufs Spiel gesetzt.

50 Jahre später ist dieser Befreiungstag, der noch bis 1951 offiziell zumindest in Ostösterreich und Wien als eine Art Ersatznationalfeiertag gefeiert wurde und durch Beflaggung von Amtsgebäuden symbolisch in Erinnerung gehalten werden sollte, dem offiziellen Österreich auf Bundes- wie auch auf Länderebene nicht einmal mehr eine Eintragung im sonst so umfangreichen Jubiläumskalender von http:// www.oesterreich2005.at wert gewesen.

Nur die Stadt Wien feierte bereits am 8. April in Floridsdorf am Spitz hingerichtete militärischen Widerstandskämpfer, die zur Befreiung beitragen wollten.

Mit historischen Daten nimmt es die offizielle Jubiläumskoordination im Bundeskanzleramt um Hans Haider offenbar auch sonst eher locker: So ist unter anderem die II. Republik nicht, wie auf der Website behauptet, nach Ende des II. Weltkrieges in Europa (bekanntlich erst am 8. Mai 1945), sondern bereits am 27. April 1945 begründet worden.

Trotzdem fällt die offiziöse Auslassung des 13. April 1945 auf: Den heuer viel bejubelten Gründervätern der II. Republik - ohne Unterschied ihrer politischen Ausrichtung - war dieser Tag noch große Feiern wert, auf denen auch die Dankbarkeit für die Befreiung dokumentiert wurde.

Zu Recht, denn Faktum ist und bleibt, woran auch die aktuelle Gedenkverweigerung nichts zu ändern vermag: Ohne militärische Zerschlagung des nationalsozialistischen Regimes, die durch Intervention von außen und nicht durch eine Revolution von innen erfolgt war, hätte es auch keine II. Republik gegeben!

Die österreichische Gedächtnispolitik hatte allerdings schon immer große Probleme mit dem 13. April - für die westlichen Bundesländer war er ohne Erfahrungsgehalt, in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland von den konkreten Erinnerungen an Plünderungen und Vergewaltigungen durch Soldaten der Roten Armee überlagert. Der Kalte Krieg gab dem Gedenken an diesen Tag sozusagen "den Rest".

Opferdoktrin

Es gibt aber noch einen anderen, tiefer liegenden Grund, der bereits in den Politikerreden zu den "Befreiungsfeiern" seit 1946 spürbar wurde: Die österreichische Gesellschaft hatte trotz verdienstvoller einzelner Widerstandsaktivitäten sich letztlich nicht selbst befreit und wollte an ihre zwischen Mittäterschaft und Passivität changierende Rolle in der Zeit zwischen 1938 und 1945 erinnert werden.

Daher wurde selbst bei den Befreiungsfeiern der österreichische Opfermythos beschworen und stetig ausgebaut: Jene Österreicher, die im Rahmen des nationalsozialistischen Vernichtungsapparats aktiv am Holocaust beteiligt waren, blieben unerwähnt, und durch die bloß summarische Nennung der NS-Opfer wurde suggeriert, dass letztlich alle Österreicher und Österreicherinnen Opfer waren. Juden und Jüdinnen sowie die quantitativ deutlich kleineren Gruppen von Roma und Sinti, Homosexuellen und Lesben, Bibelforscher/innen, politisch Verfolgten wurden ebenso wenig gesondert erwähnt wie die große Anzahl von Zwangsarbeitern.

Die Botschaft war eindeutig: Wir sind alle Opfer! Die Erinnerung an die soziale Not der Nachkriegsjahre, vor allem an den ersten Hungerwinter 1945/1946 überlagerte und verdrängte diese Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus endgültig. Bis heute bleibt im kollektiven Gedächtnisspeicher - trotz phasenweiser intensiverer und bewussterer Auseinandersetzung mit dem NS-Regime und der langsamen Erosion der exzessiven Opferdoktrin - die Rückbesinnung an den eigentlichen Auslöser für die Befreiung Wiens und Österreichs meist im Dunkeln der Geschichte.

Offensichtlich verkraftet unsere Gesellschaft eher eine kritische Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust als ein Eingestehen der Tatsache, dass es - von wenigen regionalen Beispielen (Tirol, Salzburg) abgesehen - keine Befreiung aus eigener nationaler Kraftanstrengung gegeben hat.

Chance verpasst

2005 wäre eine Chance gewesen, im Sinne einer modernen und zukunftsorientierten Gedächtnispolitik, die Mythen und Vorurteilsstrukturen der II. Republik infrage zu stellen und sich stärker mit der Neubewertung der Rolle von Österreichern und Österreicherinnen bei der Systemstabilisierung des Nationalsozialismus, bei der Umsetzung der Aggressionskriege und der Vorbereitung und brutalen Exekution des Holocaust auseinander zu setzen.

Vor diesem Hintergrund hätte ein "Befreiungsgedenktag" eine Katalysatorfunktion haben können - und zugleich auch vergleichende Betrachtungen mit Entwicklungen in anderen nationalen Gesellschaften vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus auf europäischer Ebene fördern können.

So hat etwa der "Befreiungstag" in den Niederlanden, der 4. Mai, eine wichtige Rolle bei der Bewusstwerdung der Mitläuferrolle innerhalb der niederländischen Gesellschaft. Ein derartiger Tag erlaubt ebenso eine Rückbesinnung auf die Redemokratisierung und Transformation der österreichischen Gesellschaft nach Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur und NS-Terror vor dem Hintergrund der Entwicklung eines erfolgreichen Wirtschafts- und Sozialmodells im Gefolge des internationalen langen Wachstums bis in die frühen 1970er-Jahre.

Der Rückzug des "Gedankenjahres" 2005 auf konventionelle und letztlich langweilige nationale Jahrestage bringt es letztlich auch mit sich, dass sich - wie mehrere Umfragen dokumentieren - die deutliche Mehrheit der jungen Österreicher und Österreicherinnen nicht für die diversen offiziell fixierten Jahrestage interessiert.

In diesem Sinne scheint das Jubiläumsjahr 2005, trotz hoher finanzieller Investitionen, abgesehen von diversen spannenden Gegenkonzepten, die als Reaktion auf das offiziöse "Getöse" im Entstehen sind, sein Zielpublikum zu verfehlen. Selbst die von manchen angedachte Auseinandersetzung um die Deutungsmacht über die Geschichte der II. Republik wird nicht wirklich wirksam.

Mehrdeutiger Slogan

Was bleibt, ist der mehrdeutige Slogan Leopold Figls vom 15. Mai 1955: "Österreich ist frei" und die daran anknüpfende, mit selbstkritischen Untertönen bestenfalls verbrämte Wiederbelebung der Opferdoktrin.

Leopold Figls Satz aus der Regierungserklärung vom 21. Dezember 1945 hingegen ist in Vergessenheit geraten: "Österreich ist frei, dank dem großen Befreiungswerk, das die Hauptmächte der Welt vereinte, um diese Welt vom Einfall der Barbarei zu erlösen." Ein offizieller, nicht arbeitsfreier Gedenktag - sei es zur Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen am 5. Mai 1945 oder anlässlich der Befreiung Wiens am 13. April 1945 - würde dem Vergessen deutlich entgegenwirken.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.4.2005)

Termin

Die einzige Veranstaltung zum 13. April findet am Abend im Wiener Akademie auf Initiative des Bruno Kreisky Forums statt: "Warum Krieg?" - eine Lesung aus dem historischen Briefwechsel zwischen Albert Einstein und Sigmund Freud; zwei Tage später wird der Autor des hier publizierten Beitrags im Rahmen des internationalen Symposions zur Erinnerung an die Unterzeichnung des Moskauer Memorandums referieren (15. 4., Festsaal der Dipl. Akademie)

  • Oliver Rathkolb ist Professor 
für Zeitgeschichte an der Uni 
Wien und Leiter des in Gründung befindlichen Ludwig- 
Boltzmann- Instituts für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit
    foto: standard/urban

    Oliver Rathkolb ist Professor für Zeitgeschichte an der Uni Wien und Leiter des in Gründung befindlichen Ludwig- Boltzmann- Instituts für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit

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