Kommentar der anderen: 13. April 1945 - Tag des Vergessens?

12. April 2005, 20:34
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Ausgerechnet im "Gedankenjahr" ist der Tag, an dem Wien vom NS-Regime befreit wurde, aus dem offiziellen Gedächtnis der Republik gestrichen - Anmerkungen zur Logik des selektiven Erinnerns

Am 13. April 1946 feierten Bundespräsident Karl Renner, Bundeskanzler Leopold Figl und Vertreter der Bundesregierung sowie alle vier alliierten Hochkommissare am Schwarzenbergplatz, der teilweise in Stalinplatz umbenannt worden war, mit einer glanzvollen Parade amerikanischer, britischer, französischer und sowjetischer Ehrenkompanien die Befreiung Wiens.

An diesem Platz erinnert bis heute das Denkmal zu Ehren der Soldaten der Sowjetarmee an die großen Menschenverluste während der Kämpfe um Wien, durch die die Verbände der Deutschen Wehrmacht und der SS sowie des "Volkssturms" zum Abzug bzw. zur Aufgabe gezwungen worden waren; einzelne Widerstandskämpfer um österreichische Wehrmachtsoffiziere bzw. Unteroffiziere der Gruppe um Major Carl Szokoll und Ferdinand Käs hatten Informationsarbeit geleistet und dabei ihr Leben aufs Spiel gesetzt.

60 Jahre später ist dieser Befreiungstag, der noch bis 1951 offiziell zumindest in Ostösterreich und Wien als eine Art Ersatznationalfeiertag gefeiert wurde und durch Beflaggung von Amtsgebäuden symbolisch in Erinnerung gehalten werden sollte, dem offiziellen Österreich auf Bundes- wie auch auf Länderebene nicht einmal mehr eine Eintragung im sonst so umfangreichen Jubiläumskalender von www.oesterreich2005.at wert gewesen.

Nur die Stadt Wien feierte bereits am 8. April in Floridsdorf am Spitz hingerichtete militärische Widerstandskämpfer, die zur Befreiung der Stadt beitragen wollten.

Mit historischen Daten geht die offizielle Jubiläumskoordination im Bundeskanzleramt um Hans Haider offenbar auch sonst eher locker um: So ist unter anderem die II. Republik nicht, wie auf der Website behauptet, nach Ende des II. Weltkrieges in Europa (bekanntlich erst am 8. Mai 1945), sondern bereits am 27. April 1945 begründet worden.

Für die offiziöse Auslassung des 13. April 1945 ist aber bloße Nachlässigkeit wohl kaum ins Treffen zu führen: Immerhin war dieser Tag den heuer viel bejubelten Gründervätern der II. Republik – ohne Unterschied ihrer politischen Ausrichtung – noch große Feiern wert, auf denen auch die Dankbarkeit für die Befreiung dokumentiert wurde.

Zu Recht, denn Faktum ist und bleibt, woran auch die aktuelle Gedenkverweigerung nichts zu ändern vermag: Ohne militärische Zerschlagung des nationalsozialistischen Regimes, die durch Intervention von außen und nicht durch eine Revolution von innen erfolgt war, hätte es auch keine II. Republik gegeben!

Blockaden des Gedenkens

Die österreichische Gedächtnispolitik hatte allerdings schon immer große Probleme mit dem 13. April – für die westlichen Bundesländer war er ohne Erfahrungsgehalt, in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland von den konkreten Erinnerungen an Plünderungen und Vergewaltigungen durch Soldaten der Roten Armee überlagert. Der Kalte Krieg gab dem Gedenken an diesen Tag sozusagen "den Rest".

Es gibt aber noch ein tiefer verhaftetes Motiv für das Vergessen, das bereits in den ersten Politikerreden zu den "Befreiungsfeiern" ab 1946 spürbar wurde: Die österreichische Gesellschaft hatte sich trotz verdienstvoller einzelner Widerstandsaktivitäten letztlich nicht selbst befreit und wollte an ihre zwischen Mittäterschaft und Passivität changierende Rolle in der Zeit zwischen 1938 und 1945 schlicht nicht erinnert werden. Konsequenterweise blieben selbst bei den Befreiungsfeiern jene Österreicher, die im Rahmen des nationalsozialistischen Vernichtungsapparats aktiv am Holocaust beteiligt waren, unerwähnt; zugleich wurde durch die bloß summarische Nennung der NS-Opfer suggeriert, dass letztlich alle Österreicher und Österreicherinnen Opfer waren. Von Juden und Jüdinnen war ebenso wenig die Rede wie von (den zahlenmäßig kleineren Gruppen der) Roma und Sinti, Homosexuellen und Lesben, Bibelforscher/innen und politisch Verfolgten sowie auch von der großen Anzahl von Zwangsarbeitern.

Die Erinnerung an die soziale Not der Nachkriegsjahre, vor allem an den ersten Hungerwinter 1945/1946 überlagerte und verdrängte die Auseinandersetzung mit der NS- Vergangenheit über lange Zeit fast völlig. In den letzten eineinhalb Jahrzehnten hat man sich zwar mit dem Thema intensiver befasst und die Opferdoktrin langsam relativiert, für die Rückbesinnung auf den eigentlichen Auslöser für die Befreiung Wiens und Österreichs scheint im kollektiven Gedächtnisspeicher jedoch bis heute kein Platz zu sein. Offensichtlich verkraftet unsere Gesellschaft eher eine kritische Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust als ein Eingestehen der Tatsache, dass es – von wenigen regionalen Beispielen (Tirol, Salzburg) abgesehen – keine Befreiung aus eigener nationaler Kraftanstrengung gegeben hat.

Eine Chance verpasst

2005 wäre eine Chance gewesen, im Sinne einer modernen und zukunftsorientierten Gedächtnispolitik, die Mythen und Vorurteilsstrukturen der II. Republik in Frage zu stellen und sich stärker mit der Rolle von Österreichern und Österreicherinnen bei der Systemstabilisierung des Nationalsozialismus, bei der Umsetzung der Aggressionskriege und der Vorbereitung und brutalen Exekution des Holocaust auseinander zu setzen.

Vor diesem Hintergrund hätte ein "Befreiungsgedenktag" eine Katalysatorfunktion haben können – wie das andere nationale Gesellschaften erfolgreich vorgeführt haben: So hat etwa der "Befreiungstag" in den Niederlanden, der 4. Mai, eine wichtige Rolle bei der Aufarbeitung des NS-Mitläufertums innerhalb der niederländischen Gesellschaft gespielt. Zugleich wäre ein derartiger Gedenktag auch ein produktiver Anknüpfungspunkt für eine Rückbesinnung auf die Anforderungen der Redemokratisierung der österreichischen Gesellschaft nach Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur und NS-Terror: Welche Energien waren vor dem Hintergrund des bis in die 70er Jahre anhaltenden internationalen Wirtschaftswachstums für die Entwicklung eines erfolgreichen Wirtschafts- und Sozialmodells wirksam?

Der Rückzug des "Gedankenjahres" 2005 auf konventionelle und letztlich langweilige nationale Jahrestage bringt es im übrigen auch mit sich, dass sich – wie mehrere Umfragen dokumentieren – die deutliche Mehrheit der jungen Österreicher und Österreicherinnen nicht für die diversen offiziell fixierten Jahrestage interessiert. In diesem Sinne scheint das Jubiläumsjahr 2005, trotz hoher finanzieller Investitionen, abgesehen von diversen spannenden Gegenwelten, die als Reaktion auf das offiziöse "Getöse" im Entstehen sind, sein Zielpublikum zu verfehlen. Selbst die von manchen angedachte Auseinandersetzung um die Deutungsmacht über die Geschichte der II. Republik wird nicht wirklich wirksam.

Mehrdeutiger Slogan

Was bleibt, ist der mehrdeutige Slogan Leopold Figls vom 15. Mai 1955 "Österreich ist frei" – und eine daran anknüpfende, mit selbstkritischen Untertönen bestenfalls verbrämte Wiederbelebung der Opferdoktrin.

Figls Satz aus der Regierungserklärung vom 21. Dezember 1945 hingegen ist in Vergessenheit geraten: "Österreich ist frei, dank dem großen Befreiungswerk, das die Hauptmächte der Welt vereinte, um diese Welt vom Einfall der Barbarei zu erlösen."

Ein offizieller, nicht arbeitsfreier Gedenktag – sei es zur Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen am 5. Mai 1945 oder anlässlich der Befreiung Wiens am 13. April 1945 – würde der Amnesie nachhaltig entgegenwirken. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 4. 2005)

Kommentar der anderen von Oliver Rathkolb

Oliver Rathkolb ist Professor für Zeitgeschichte an der Uni Wien und Leiter des in Gründung befindlichen Ludwig-Boltzmann- Instituts für Euro- päische Geschichte und Öffentlichkeit.

Die einzige Veranstaltung zum 13. April findet heute Abend im Wiener Akademie auf Initiative des Bruno Kreisky Forums statt: "Warum Krieg?" - eine Lesung aus dem historischen Briefwechsel zwischen Albert Einstein und Sigmund Freud; zwei Tage später wird der Autor des hier publizierten Beitrags im Rahmen des internationalen Symposions zur Erinnerung an die Unterzeichnung des Moskauer Memorandums referieren (15. 4., Fest- saal der Diplomatischen Akademie)
  • Deutungswandel: Was die Sowjetarmee unmittelbar nach der Einnahme Wiens plakatieren ließ (oben). Und was von dieser Botschaft im Zuge der Staatsvertrags- 
verhandlungen übrig blieb (VP-Plakat 1948 unten).

    Deutungswandel: Was die Sowjetarmee unmittelbar nach der Einnahme Wiens plakatieren ließ (oben). Und was von dieser Botschaft im Zuge der Staatsvertrags- verhandlungen übrig blieb (VP-Plakat 1948 unten).

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