"Tempo 160 wird bereits gelebt"

22. April 2005, 15:32
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Mehr Tempo hat fast nur Nachteile, die Mehrheit will trotzdem rasen. Warum, war Thema des STANDARD- Montagsgesprächs

Lizenz zum gewissenlosen Rasen oder sinnvolle Flexibilisierung und Anpassung der Gesetze an die reale Situation auf den Straßen? Die Frage nach Vor- und Nachteilen von Tempo 160 auf den Autobahnen spaltete auch die Experten beim STANDARD-Montagsgespräch.

Risiko Mensch

Nur in einem Punkt war man sich einig: Der Mensch ist das unsicherste Element im Verkehr. Für den Verkehrswissenschafter Gerd Sammer von der Wiener Universität für Bodenkultur ist die Sache klar: Eine Anhebung des Tempolimits bringt deutlich mehr Nachteile. Höhere Geschwindigkeit bedeutet mehr Umweltverschmutzung, mehr Unfälle, mehr Lärm und bringt für den normalen Autofahrer nur minimalen Zeitgewinn. Falls der überhaupt das Glück hat, eine potenzielle Tempo-160-Strecke benützen zu können. Denn der Tritt aufs Gaspedal soll nach den Vorstellungen von Verkehrsminister Hubert Gorbach ja nur unter bestimmten Bedingungen erlaubt sein: mindestens drei Fahrstreifen, ein Verkehrsmanagementsystem mit variablen Geschwindigkeitsanzeigen und optimale Witterung müssen gegeben sein. Von den 1677 Kilometern der österreichischen Autobahnen kommen daher nur 50 Kilometer überhaupt infrage, rechnet Sammer vor.

Dass sich die Tachonadel nur bei optimalen Bedingungen bis auf 160 drehen darf, steht auch für Mario Rohracher vom ÖAMTC außer Zweifel. In "die genannten Schrecklichkeiten" will er aber nicht einstimmen: Für den Autofahrerclub geht es primär um eine "Flexibilisierung bestehender Tempolimits", die ja erst durch Telematikanlagen möglich werden. Was aber nicht unbedingt immer Dahinbrausen bedeute – auch eine Reduktion bei schlechter Witterung ist für Rohracher vorstellbar.

Mehrheit für Erhöhung

Die Bevölkerung sieht der Interessenvertreter mehrheitlich hinter sich. Ergab doch eine vom ÖAMTC in Auftrag gegebene repräsentative Umfrage, welches Tempo bei idealen Bedingungen auf "gut ausgebauten Autobahnen" vertretbar sei, dass 60 Prozent der Österreicher 140 Stundenkilometer oder mehr für in Ordnung halten würden.

Der Drang zur höheren Geschwindigkeit hat aber einen fatalen Hintergrund, warnt dagegen die Verkehrspsychologin Gilda-Andrea Jukl. Den meisten Autofahrern sei zwar bewusst, das mehr Stundenkilometer eine Gefahr darstellen können, das Problem sei aber "die mangelnde Problemidentifikation. Das Schlimme passiert immer nur den anderen." Dazu kommen Selbstüberschätzung und eklatanter Wissensmangel über die Fahrphysik, berichtet Jukl von ihrer Arbeit mit meist jungen Temposündern.

Keine Vorstellung vom Bremsweg

Die Raser, die zu ihr in die Nachschulung geschickt werden, donnern mit Geschwindigkeiten von über 200 Stundenkilometern über den Asphalt. Fragt die Psychologin dann nach dem geschätzten Anhalteweg bei diesem Tempo, bekommt sie "erschreckende Antworten". Die meisten rechnen mit 50 bis 150 Metern, bis der Wagen steht. In der Realität sind es aber fast 230 Meter.

Die Realität auf den Autobahnen sieht auch Peter Goldgruber, Leiter der Verkehrsabteilung der Wiener Polizei. Und die ist rasant. "Wenn man von Wiener Neustadt an einem Nachmittag Richtung Wien mit 130 fährt, fahren einem dort alle um die Ohren. Da wird Tempo 150, 160 bereits gelebt. Es ist offensichtlich eine Frage der Überwachung, mit der wir vielleicht schon bei Tempo 130 nicht so ganz zurechtkommen."

Die Toleranzgrenzen bei den Geschwindigkeitsmessungen würden in der Praxis jetzt schon höhere Geschwindigkeiten als vorgesehen zulassen, ehe gestraft wird, gesteht er ein.

Section-Control

Eine sinnvolle Möglichkeit, um zu verhindern, dass bei 160 plötzlich mit 190 km/h gefahren und noch mehr gedrängelt wird, biete daher nur die Section-Control. In Wien habe man damit gute Erfahrungen gemacht, im Schnitt sind nur 1,5 Prozent der Autofahrer im Kaisermühlen-Tunnel zu schnell. Der kleine Prozentsatz bedeutet trotzdem viel Arbeit: Im Bezirk Donaustadt musste ein eigener Referent eingestellt werden, der nur die Tunnelanzeigen bearbeitet.

"Keine nachvollziehbaren Fakten"

Strenge Kontrollen und klare Bestrafung jener, die sich nicht an die Spielregeln im Verkehr halten, sind auch Othmar Thann, dem Direktor des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV), ein Anliegen. Der sich auch die Frage stellt, warum überhaupt über Tempo 160 diskutiert wird. "Ich habe keine fachlich nachvollziehbaren Fakten gefunden, was es bringen sollte", stellt er klar. Der Hauptgrund für tödliche Unfälle auf den Autobahnen seien Auffahrunfälle, bei höherem Tempolimit steige das Risiko weiter.

Thann ortet auch Mängel bei der Ausbildung. "Wir schulen derzeit nicht in Unfallvermeidungsstrategien, sondern sind zu sehr auf Theoriewissen wie die Bedeutung von Verkehrsschildern konzentriert", ist er überzeugt. Ein Punkt, der Zustimmung findet. Verkehrspsychologin Jukl plädiert dafür, "dass noch mehr beim Menschen angesetzt wird". Die derzeit laxe Einstellung zur Geschwindigkeit könnte nur geändert werden, wenn Aufklärung im Bildungswesen gesetzlich verankert wird, plädiert sie.

Für Verkehrswissenschafter Sammer ist ebenfalls die Politik gefordert. Statt mit einer "Gefälligkeitsstrategie" auf scheinbar populäre Aktionen und Wählerstimmen zu setzen, sollten Maßnahmen, die die Verkehrssicherheit heben, beschlossen werden. (Michael Möseneder, DER STANDARD, Printausgabe, 13.04.2005)

  • Tempo 160 sei zwar nicht sinnvoll, aber bereits Realität, meinen Experten
    foto: der standard/christan fischer

    Tempo 160 sei zwar nicht sinnvoll, aber bereits Realität, meinen Experten

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