Wien wird Ost-Zentrale für Heineken

9. Mai 2005, 14:10
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Der Bierriese verpasst sich eine neue Struktur. Wien wird Hauptquartier für die Region Ost- und Mitteleuropa und damit Zentrale für 20.000 Mitarbeiter

Wien – Karl Büche sieht sich bestätigt: "Unsere Entscheidung, vor zwei Jahren mit Heineken zusammenzugehen, war richtig – entgegen allen Warnungen, dass wir uns auf Gedeih und Verderb den Holländern ausgeliefert hätten", sagt der langjährige Bier-Manager Dienstag zum STANDARD. Doch am Montag genehmigte der Heineken-Aufsichtsrat eine kleine "Revolution", die der Vorstand unter Büches Mitwirkung in den letzten drei Monaten ausgeheckt hat: Statt zentral aus Amsterdam gesteuert zu werden, wird das grün-rote Bierimperium in fünf Regionen aufgeteilt: Westeuropa, Mittel- und Osteuropa, Asien/Pazifik, die beiden Amerikas sowie Afrika. Zugleich wird die Konzernzentrale in Amsterdam entsprechend gestrafft.

Hauptquartier für CEE wird Wien. "Wir müssen in allen Bereichen schneller werden", begründet der Brau-Union-Boss die neue Struktur, der Biermarkt sei weltweit sehr hart. Und "Das eigentliche Biergeschäft ist ja regional." Bis Ende 2005 soll der Umbau abgeschlossen sein. Modell für den Umbau war die Brau Union, bestätigt Büche.

Absatzvolumen wächst auf 43 Millionen Hektoliter Bier

Mit der Verantwortung für die operativen Gesellschaften in Russland, Griechenland und Deutschland wächst das derzeitige Absatzvolumen von rund 27 Mio. Hektoliter auf rund 43 Mio. Hektoliter Bier, so Büche weiter. Das seien 38 Prozent des gesamten Absatzvolumens im Konzern. 20.000 Mitarbeiter und 36 Brauereien gehören zu dieser Region – die größte Einzelorganisation in der gesamten Heineken-Welt.

Dass auch die Deutschland-Verantwortung dazukommt – Marken wie Kulmbacher, Paulaner, Hacker Pschorr, Karlsberg, Thurn & Taxis – hat Büche "selbst überrascht". Vor einem halben Jahr wäre so etwas noch unvorstellbar gewesen, heißt es. Die größten Wachstumschancen werden in Russland gesehen. Dort hat Heineken kürzlich drei Brauereien dazugekauft und betreibt jetzt fünf. "Da könnte noch einiges kommen", sagt Büche zum STANDARD. Die russischen Braubetriebe seien technisch in einem guten Zustand.

Büche wird sich im Herbst aus seiner Funktion als Brau-Union-Chef und Heineken-Vorstand zurückziehen: "Ich habe mein Langfristziel, meinen Lebenstraum, realisiert. In den kommenden Monaten werde ich alles daransetzen, die neue Struktur zu etablieren und eine reibungslose Übertragung meiner Agenden an Herman Nicolaas Nusmeier sicherzustellen." Der Holländer ist noch Vorstand der Polen-Tochter Grupa Zywiec, seit Herbst 2003 auch im Vorstand der Brau Union.

Wechsel in Wien und Amsterdam

Büche gibt sein Amt eineinhalb Jahre vor Vertragsablauf ab. Dies begründet er damit, dass den Job als Chef der neuen Rieseneinheit "jemand mindestens fünf Jahre lang machen muss. Es wird viel Arbeit sein." Büche war 33 Jahre lang Braumanager und seit 1984 im Vorstand des größten Bierkonzerns Österreichs (Marken: Schwechater, Zipfer, Gösser, Kaiser, Puntigamer etc.). An der Konzernspitze des holländischen Bierriesens folgt im Herbst der Belgier Jean-Francois van Boxmeer auf Anthony Ruys, ebenfalls früher als geplant.

Die Übernahme der BBAG/Brau Union für insgesamt 1,9 Mrd. Euro vor gut eineinhalb Jahren war für Heineken der größte Kauf der Firmengeschichte. Heineken rangiert mit seinen weltweit mehr als hundert Braustätten unter den weltgrößten Bierkonzernen nach InBEV (Belgien, Brasilien), South African und Anheuser Bush (USA) auf Platz vier. Für weitere Übernahmen sehen Analysten die Niederländer derzeit noch nicht bereit, da erst der Brau-Union-Kauf verdaut werden musste. Um etwas flüssiger zu werden, hat Heineken die Immobiliensparte der österreichischen Tochter vor Kurzem für 238 Mio. Euro an eine heimische Investorengruppe rund um Ernst Scholdan verkauft. Heineken leidet zudem unter dem anhaltend hohen Dollar-Kurs. Die Eigentümerfamilie sei zuletzt mit der Entwicklung des Aktienkurses gar nicht zufrieden gewesen sein, heißt es. (szem, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.4.2005)

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    Wien wird zum Headquarter der größten Einzelorganisation in der gesamten Heineken-Welt.

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