"Es ist wie 'Warten auf Godot'"

2. Mai 2005, 12:29
4 Postings

Ein Hauch von Widerstand durchwehte die Hauptversammlung der VA Tech am Dienstag ein letztes Mal. Die Mehrheit zelebrierte den Abschied vor der Ankunft von Siemens

Linz – Traurige Stimmen, finstere Blicke, gedrückte Stimmung. Die letzte, formal noch nicht unter Führung von Siemens abgewickelte Hauptversammlung der VA Tech hatte alles, was zu einer Abschieds- und Trauerfeier gehört: Mit gesenkter Stimme gemurmelte Abschiedsworte für die einst aufmüpfigen Aktionäre, Dankesbezeugungen für die früher unglücklich und frech agierende Chefetage und Belegschaft – und natürlich ein gutes Essen.

Machtvakuum

Christian Habegger, der für das Energiegeschäft zuständige Tech-Vorstand, brachte das lange, durch die vertiefte Kartellprüfung der EU-Kommission bedingte Machtvakuum auf den Punkt: "Es ist wie Warten auf Godot – und wir beginnen darunter zu leiden." Damit hatte er die einzigen Lacher in der dreistündigen Aktionärsversammlung auf seiner Seite, wobei der Hintergrund ein durchaus ernster ist: Bei keinem der neun Kraftwerksprojekte, die derzeit in Europa zum Bau anstehen, darf die VA Tech mit einem Zuschlag rechnen, weil die Auftraggeber den VA-Tech-Partner bei Gaskombikraftwerken, General Electric (GE), im Konsortium sehen wollen.

GE will sich für seinen Erzrivalen Siemens allerdings nicht in die Pflicht nehmen lassen. Womit klar sein dürfte, dass die GE-Allianz bei Gasturbinen ein baldiges Ablaufdatum hat.

Für ein Auftragsloch, das in zwölf, spätestens 18 Monaten schlagend wird, ist im Energiesektor damit gesorgt, da helfen auch die Wasser- und Pumpspeicher-Kraftwerke wenig, die beginnen, "sich hübsch zu entwickeln", wie Habegger es ausdrückte. Was die Auftragslage insgesamt betrifft, ist das Zugpferd der metallurgische Industrieanlagenbau. Er sitzt, dank weltweiten Stahlbooms, auf einem um 41 Prozent gewachsenen Auftragspolster im Wert von 1,623 Milliarden Euro und hat das Zeug, so Konkurrent SMS Demag bei den EU-Kartellwächtern keine gravierenden Auflagen erwirkt, eine Ertragsperle des Siemens-Konzerns zu werden.

Dank an die Mitarbeiter

Insgesamt habe die VA Tech 70 Prozent ihres heurigen Umsatzes im Haus, fasste Generaldirektor Klaus Sernetz wehmütig zusammen, ehe er den Mitarbeitern für ihr Engagement dankte und versicherte, dass es keine Anhaltspunkte dafür gebe, dass sich in den Kellern noch Leichen fänden.

An diesem positiven Bild, das durch das deutlich negative Konzernergebnis (minus 67,8 Mio. Euro) ohnehin deutlich belastet ist, wollten zahlreiche Aktionäre – Großteils Mitarbeiter und Pensionisten – natürlich nicht kratzen. Sie richteten ihren Unmut lieber auf Ex-Investor und Ex-Aufsichtsrat Mirko Kovats, dem sie die Entlastung verweigern wollten, weil er gemeinsam mit schweizerischen Paketaktionären die Kapitalerhöhung vereitelt und seine rund 16 Prozent letztlich an Siemens verkauft hatte. Vergeblich, wie sich herausstellte, denn die große – von ÖIAG und Siemens gestellte – 99,78-prozentige Mehrheit wollte davon nichts (mehr) wissen.

Kritik an neuen Aufsichtsräten

Als Roastbeef, Fleischstrudel und Bier den ohnehin nur mehr dünn besetzten Saal vollends zu entleeren drohten und der scheidende VA-Tech-Aufsichtsratspräsident Peter Michaelis zur Wahl der neuen Aufsichtsräte schritt, musste sich der ÖIAG-Vorstandssprecher auch noch Kritik an der Auswahl der neuen Tech-Kontrollore anhören. Insbesondere WU-Professor Christian Nowotny, beliebter Gutachter und Berater sowohl von ÖIAG und Siemens missfiel Aktionärsvertreter Berthold Berger: Nowotnys Mandatierung sei ebenso problematisch, wie jene von Miba-Chef Peter Mitterbauer, denn beide seien Mitglieder des Aufsichtsrats von VA-Tech-Konkurrent Andritz. Bei Wolfram Littich, Vorstandschef des Versicherers Allianz ortet Berger indes einen Interessenkonflikt, weil Allianz Großaktionär von Siemens sei.

Nowotny bestreitet, dass ein solcher vorliege, denn es sei lediglich eine Tochter der Andritz AG in Konkurrenz zur VA Tech und über deren Auftragseingänge würde er nicht informiert. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.4.2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die VA Tech-Vorstände Hanno Bästlein, Gerhard Falch und Klaus Sernetz (v.l.) mit dem Aufsichtsrats­voritzenden Peter Michaelis (im Hintergrund) bei der Hauptversammlung am Dienstag in Linz.

Share if you care.