Einserfrage: Haben die "Fundis" den "Realo" vertrieben?

12. April 2005, 18:35
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Es antwortet:
David Ellensohn, Grüner Stadtrat, Mitglied der Wiener Landesregierung und des FC Liverpool

derStandard.at: Der Wiener ÖVP-Obmann Johannes "Gio" Hahn hat nach dem Wechsel von Günter Kenesei zur ÖVP gemeint, die Schwarzen würden einem "profilierten und prominenten Realo" nun eine neue Heimat bieten. Kenesei, der bei der Grünen-Landesversammlung, nach welcher in den Medien von "Linksruck" die Rede war, nicht die nötige Zweidrittelmehrheit für eine neuerliche Kandidatur erhielt, hat mit Kritik an seiner Ex-Partei nicht gespart. Haben die "Fundis" den "Realo" vertrieben?

Ellensohn: Es ist keine Auseinandersetzung innerhalb der Grünen. Die Wiener Grüne stehen für eine Lobau ohne Autobahn, für engagierte Armutsbekämpfung, das kommunale Wahlrecht für Migranten und Migrantinnen in Wien und für den Zivilpakt (ZIP), der gleichgeschlechtlich Liebenden mehr Rechte einräumt. Gegen all das tritt die Wiener ÖVP derzeit mit aller Vehemenz auf. Die weltoffene Politik der Grünen steht dem diametral gegenüber.

derStandard.at: Wie würden sie "Fundi", wie "Realo" definieren? Können sie aus der Gegenwart bzw. Vergangenheit Beispiele für (internationale) VertreterInnen der zwei Gruppen nennen? Welcher Gruppe fühlen Sie sich zugehörig?

Ellensohn: Nichts ist inhaltsleerer als diese Debatte. Daher gönne ich uns einen kleinen Seitensprung zum Fußball. Hans Krankl hat wohl so was wie Realo-Fußball gespielt. Sehr ergebnisorientiert, sehr auf die Umsetzung orientiert und dabei sehr erfolgreich. Herbert Prohaska war mehr der Fundamentalist, Fußball pur, Technik auch schon mal der Technik wegen und dabei ebenfalls sehr erfolgreich. Die zwei konnten nur gemeinsam die Cordoba-Legende erschaffen. Danke für das 3:2 gegen Deutschland. Außerdem bin ich seit 20 Jahren ein eingetragenes Mitglied des FC Liverpool.

derStandard.at: Wie wird sich der Wechsel von Kenesei bei den kommenden Wiener Gemeinderatswahlen auswirken?

Ellensohn: Rein technisch wird ein Wiener ÖVP-Mandatar zusehen, wie Günter Kenesei seinen Platz im Gemeinderatssaal einnimmt. Und inhaltlich: Grüne Ideen sind gut für diese Stadt. Daher versucht die Wiener ÖVP logischerweise, sich einen grünen Anstrich zu geben. Das freut mich und gibt uns Mut. Ich hoffe, dass der Wahlkampf nicht nur personell von den Grünen geprägt wird, sondern auch inhaltlich. Wien kann es besser. Und wir wollen das gerne zeigen.

derStandard.at: Sie sind 2003 gegen die schwarz-grünen Koalitionsverhandlungen aufgetreten. Hat sich an Ihrer Einstellung seither etwas verändert? Unter welchen Voraussetzungen wäre für Sie Schwarz-Grün auf Bundesebene möglich?

Ellensohn: Grün steht für aktive Armutsbekämpfung, für eine solidarische Gesellschaft, für einen Ausbau von Bildung und Ausbildung, für einen offenen kostenlosen Hochschulzugang, für eine Grundsicherung. Die ÖVP derzeit für das Gegenteil. Ändert sie ihre derzeitige Politik, dann bewerten wir die politische Situation ganz neu. (rasch)

  • David Ellensohn, geboren in London, aufgewachsen in Vorarlberg und seit 21 Jahren Wahl-Wiener, ist Grüner Stadtrat und Mitglied der Wiener Landesregierung. Er ist seit der Landesversammlung der Wiener Grünen vom Jänner 2005 die Nummer zwei auf der Landesliste für die bevorstehende Landtags- bzw. Gemeinderatswahl.
    foto: gruene

    David Ellensohn, geboren in London, aufgewachsen in Vorarlberg und seit 21 Jahren Wahl-Wiener, ist Grüner Stadtrat und Mitglied der Wiener Landesregierung. Er ist seit der Landesversammlung der Wiener Grünen vom Jänner 2005 die Nummer zwei auf der Landesliste für die bevorstehende Landtags- bzw. Gemeinderatswahl.

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