Emotionale Assoziationen

11. April 2005, 22:11
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Europäischen Erstaufführung von Tsippi Fleischers "Cain And Abel" im Wiener Semper Depot

Manchmal verbirgt sich das Schöne hinter grauen Mauern, hinter verstaubten, vermehlten Gesichtern. Höhepunkt der Europäischen Erstaufführung von Tsippi Fleischers Cain And Abel, gespielt im Semper Depot, sind nicht etwa die Konflikte der beiden biblischen Brüder, sondern die emotionalen Assoziationen. Komponistin Fleischer offenbart, dass sie die Musikgeschichte reflektiert hat: Die musikalische Verschmelzung von Überliefertem und aktuellen Einflüssen, die bis in den Unterhaltungs-Sound hinein reichen, bewirkt ein breites stilistisch-dramaturgisches wie auch formales Spektrum. Unter Huw Rhys James findet die Musikwerkstatt Wien zu einem abgerundeten Ganzen. Die kraftvollen Solisten Andreas Jankowitsch (Kain) und Sebastian Huppmann (Abel) sowie Jolene Auret McCleland und Nina Maria Plangg als Mensch gewordene Lämmer agieren nicht frei von Pathos, aber dramaturgisch sehr überzeugend. Im szenischen Wechsel von Ruhepunkten und eruptiven Verdichtungen (Regie: Paola Viano) gewinnt das Werk seine Logik. Das einzig Störende: der weiße Mehlstaub überall auf den Bühnenpodesten (Reinhard Taurer), vermatscht mit rot beschienener Flüssigkeit. Hat sich eine solche Kruste über den biblischen Brudermord gelegt? (henn/DER STANDARD, Printausgabe, 12.04.2005)
Semper Depot Wien
12./13./15. 4.
20 Uhr

musikwerkstatt-wien.com
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    foto: birnbauer
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