Benzindiebstahl

12. April 2005, 21:19
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Es war vergangene Woche. Der Polizist fragte A., wieso sie ihren Wagen nicht schon längst als gestohlen gemeldet habe.

Es war vergangene Woche. Da rief der Polizist A. an. Und zwar ziemlich zeitig. Der Polizist fragte A., wieso sie ihren Wagen nicht schon längst als gestohlen gemeldet habe.

A. war sprachlos. Wieso gestohlen? Und: Wieso "längst"? Am Abend vor seinem Anruf, sagte sie dem Polizisten, habe sie den Wagen in die Garage gestellt. Ob er sich verwählt habe? Nein, beteuerte der Kriminalist, aber wenn A.s Wagen nicht gestohlen sei, dann sei sie in eine Straftat verwickelt: Vor über einer Woche sei ihr Wagen fotografiert worden. An einer Tankstelle – und dann sei er ohne zu bezahlen davongebraust.

Der Diebstahl, sagte der Kriminalist, sei umgehend angezeigt worden. Die Schadenssumme sei jenseits der Bagatellgrenze. Er müsse nun ermitteln. A. möge zur Einvernahme kommen. Ich kramte in meiner Geldbörse: Die Rechnung von der Tankstelle war noch da. Mit Kreditkartennummer, Uhrzeit, Betrag – und allen Posten: Eine Autobahnvignette, ein paar Drinks, Snacks, ein blödes Kinder-Mitbringsel aber – tatsächlich – kein Benzin. Dabei hatte der Tankwart noch blöd über Frauen in Cabrios und zahlende Männer gewitzelt. Ich hatte rasch unterschrieben – und wir waren aus der Stadt geflüchtet.

Ein dicker Akt

Der Kriminalpolizist war verständnisvoll. Er saß vor einer fünf Zentimeter dicken Mappe, in der meine Tat dokumentiert war. Er zeigte mir drei Bögen mit Überwachungskamerabildern: Ich beim Tanken, beim Scheibenwaschen und beim Luftdruckprüfen. Und im Shop: Getränke, Süßigkeiten, Stofftier – und in der Warteschlange vor und an der Kassa. Auf einem Bild stecke ich meine Karte in die Maschine, am nächsten signiere ich. Der Polizist seufzte: Der Rest des Aktes sei Schreibarbeit. Seine. Stundenlange und sinnlose Schreibarbeit. Denn dass ein Benzindieb seine Kreditkarte vor einen Tankwart legen würde, glaube ja wohl niemand – aber Anzeige sei Anzeige. Und müsse ordentlich bearbeitet werden.

Natürlich, sagte der Beamte, könne man mir den Vorwurf machen, den Beleg nicht überprüft zu haben. Aber er sei ja selbst ein schlampiger Hund – und prüfe weder an Bankomat-Supermarktkassen noch sonst wo ggleich und exakt, ob da alles aufgelistet sei. Und zwar unabhängig von der Betragshöhe. Und überhaupt, seufzte der Polizist, könne man natürlich auch fragen, ob nicht auch den Kassier eine gewisse Sorgfaltspflicht träfe. Aber er sei kein Jurist, sondern müsse nun diesen blöden Akt bearbeiten.

Bein- und Schreibarbeit

Wie es weiter gehe, fragte ich. Er seufzte noch einmal. Ganz einfach, sagte er dann: Ich müsse jetzt – heute noch – zur Tankstelle und den Betrag bezahlen. Nein, das Geld könne ich nicht überweisen. Und ich hätte Glück. Weil ich nicht in Wels, sondern auf der Hadikgasse getankt hätte. Mit der Zahlungs-Bestätigung müsse ich zurück kommen – und er habe dann noch ein bisserl Schreibarbeit. Dann gehe der Akt weiter. Irgendwo säßen Juristen, die wohl die Entscheidung treffen – und schriftlich begründen - würden, gar kein Verfahren zu führen. Mangels Vorsatz. Wegen eines offensichtlichen Irrtums.

Der Akt, sagte der Polizist, werde bis dahin auf sein doppeltes derzeitiges Volumen angewachsen sein. Vielleicht – eher unwahrscheinlich - müsste ich noch einmal zur Einvernahme. Auf alle Fälle würde meine Tat den Steuerzahler noch etliche Arbeitsstunden kosten. Zeit, in der er und seine Kollegen auch sinnvolle Dinge tun könnten.

Jetzt bekam ich doch ein schlechtes Gewissen. Der Polizist merkte das. Ich solle mir bitte keine Vorwürfe machen, meinte er. Schließlich, mache sich auch der Tankwart keine. Bestimmt nicht: Falsche Benzindiebstähle wie meinen gäbe es oft. Beinahe täglich. Und manchmal, meinte der Polizist, habe er das Gefühl, dass es manchem Tankwart Spaß mache, Zeit zu stehlen. Aber das könne man leider nicht zur Anzeige bringen.

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