STANDARD-Interview: "Das einzige Kriterium ist Excellence"

18. April 2005, 14:26
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Mehr kritische Masse auf europäischem Niveau: Michael Freund sprach mit Robert-Jan Smits vom EU-Generaldirektorat für Forschung über das Kerngeschäft des siebenten Rahmenprogramms und eine Champions League für die Grundlagenforschung

STANDARD: Herr Smits, wie würden Sie den Stellenwert der Forschung und Entwicklung in der Europäischen Union insgesamt einschätzen?

Smits: Führende Wirtschaftswissenschafter versichern uns, dass wir, wenn wir jetzt bei null beginnen könnten, mindestens die Hälfte des EU-Budgets in F&E investieren würden - das sei die beste Art, in Zukunft konkurrenzfähig zu bleiben. Leider sind aber 80 Prozent des Haushalts durch die Agrarpolitik und Strukturfonds gebunden. Wir vom Generaldirektorat für Forschung predigen schon seit zwanzig Jahren eine Neuorientierung. Für das siebente Rahmenprogramm (RP 7) ist das Klima nun viel positiver, auch auf der politischen Ebene, übrigens auch in Österreich.

STANDARD: Was waren die Hauptprobleme des sechsten Programms?

Smits: Zwei unabhängige Gruppen evaluierten es für uns: eine, geleitet vom früheren spanischen Forschungsminister Marimon, eine unter dem Nokia-Technologie-Chef Ormala, beide mit Fachleuten bestückt, etwa dem Chef der Fraunhofer-Gesellschaft, Hans-Jörg Bullinger, und dem Wiener Computerwissenschafter Christoph Mandl. Beide kamen zu folgenden Schlussfolgerungen: Wir müssen unsere Prioritäten genauer definieren; oft war nicht klar, was im sechsten Programm erreicht werden sollte. Wir müssen die Teilnahme der Industrie stärker fördern. Die Antragsverfahren müssen vereinfacht werden. Und wir sollen die Grundlagenforschung mehr auf EU-Ebene unterstützen.

STANDARD: Manche Projekte wurden als viel zu groß kritisiert.

Smits: Ja, es wurde "Größe" mit "kritischer Masse" verwechselt - Projekte mit bis zu 80 Teilnehmern können nicht gemanagt werden. Viel wichtiger ist, dass etwas Neues bewirkt wird.

STANDARD: Was geschah mit den Empfehlungen?

Smits: Aufgrund der beiden Berichte und den tausenden Spontanreaktionen von allen Beteiligten, von der European Science Foundation bis zu einzelnen Forschern, haben wir dann RP 7 definiert.

STANDARD: Was sind dessen wichtigste Aspekte?

Smits: Einerseits die Kontinuität des Kerngeschäfts, das heißt, die Kooperation zwischen Forschungseinrichtungen und Unternehmen in allen Ländern zu fördern, das macht 60 Prozent des Budgets aus. Der Rest geht erstens in infrastrukturelle Maßnahmen, etwa den Bau oder Kauf von Großgeräten, basierend auf einer Roadmap, welche Forschungsinfrastrukturen die Wissenschafter in den nächsten zehn Jahren brauchen. Zweitens die Koordinierung von nationalen Programmen, die Kooperation zwischen nationalen Ministerien für gesamteuropäische Vorhaben. Ein erstes Projekt beschäftigt sich mit "poverty-related diseases" (Armutskrankheiten), das ist gerade im klinischen Stadium. Mehrere Staaten haben beschlossen, dafür ihre nationalen Programme zu integrieren, und wir haben 200 Millionen Euro zugeschossen. Drittens die Gestaltung einer technologischen Plattform für "public-private partnerships", wo Wettbewerbsfähigkeit gefördert wird. Beispiele: Nanotechnologie oder Aeronautik. Schließlich wird ein "European Research Council" - nach dem Vorbild der US-amerikanischen National Science Foundation - die Champions League für die Grundlagenforschung darstellen. Dieser Rat wird autonom mit rund zwei Dutzend Spitzenwissenschaftern bestückt. Das einzige Kriterium wird "excellence" sein. Und der Rat wird für allen Bereiche der Wissenschaft zuständig sein, also auch für Sozial- und Humanwissenschaften.

STANDARD: Es wurde ja verschiedentlich beklagt, dass die Rahmenprogramme allzu eng an verwertbare Naturwissenschaft gekoppelt sind.

Smits: Das wird sich im siebten Rahmenprogramm ändern. "Science in society" wird eine starke Priorität werden - das hat auch die österreichische Regierung gefordert.

STANDARD: Wird es Geld für alle diese Schwerpunkte geben?

Smits: Die finanzielle Perspektive ist die große Herausforderung. Das Budget für RP 7 soll ja auf zehn Milliarden Euro pro Jahr verdoppelt werden, und die Frage ist, ob das innerhalb des einen Prozents der Budgets zu schaffen sein wird - was sechs EU-Mitgliedstaaten wollen. Die beteiligten Länder wollen ja ihre Strukturfonds behalten, die Agrarausgaben liegen auch schon fest. Man wird sehen.

STANDARD: Wie sehen Sie die kommunikative Herausforderung in Sachen Rahmenprogramm?

Smits: Es müssen vor allem die Forschergemeinde und die interessierten Firmen mobilisiert werden. Dafür hat das BIT (Büro für internationale Forschungs- und Technologiekooperation; nunmehr Teil der Forschungsförderungsgesellschaft, Anm.) in Österreich bisher hervorragende Arbeit geleistet. Will man auch an einem größeren Rahmenprogramm erfolgreich teilnehmen, dann muss man in die nationalen Strukturen investieren, konkret in die FFG: So kann man die Industrie auf dem Weg nach Europa begleiten. "Die österreichische Regierung hat eine Priorität für Geistes- und Sozialwissenschaften im siebenten EU-Rahmenprogramm gefordert." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 4. 2005)

  • Robert Jan Smits
    foto: generaldirektorat forschung der eu-kommission

    Robert Jan Smits

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