Der Flug des Himmelsschlüssels

9. Mai 2005, 14:21
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Peter Besenyei gewann in Abu Dhabi das erste Flugzeug-Rennen der World Series 2005 - DER STANDARD war vor Ort und hing im Gurt

Abu Dhabi - Als wäre diese Weltgegend nicht schrill genug für mitteleuropäische Augen, wurden jene auch noch in Zentrifugen geworfen, um allerlei Achsen gedreht, von Fliehkräften malträtiert, und vor allem wurden sie groß aufgerissen, wenn beispielsweise das Wasser mit 400 km/h auf sie zu raste und Sekundenbruchteile vor einer unschönen Begegnung doch noch abbog und sich eiligst entfernte.

Auf dem Militärflughafen von Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, in der die Gärten blühen und die Wasserfälle sprudeln, starteten die besten Kunstflieger der Welt zum Air Race, das sich auf einem Stückerl Meer vor der Skyline Abu Dhabis abspielte.

Vor dem Rennen gab's die Gelegenheit, sich in ein Ding namens Extra 300 L zu setzen, eines der ganz argen Geräte für Stunts und Kunstfliegerei. Es kommt aus den USA, besteht großteils aus Karbonfasern, wiegt 667 Kilogramm, ist 6,90 Meter lang, die Flügelspannweite beträgt acht Meter, der Motor leistet 300 PS, das reicht für rund 400 km/h.

Der Kundige sitzt hinten und der Unkundige vorn, das macht die Angelegenheit besonders spannend. "Dein Puls wird jetzt etwas steigen, im Magen sollte es kribbeln", sagt Frank Versteegh unwidersprochen. "Daumen runter heißt, du willst heim zu Mami, ein Daumen rauf heißt, es ist okay so, zwei Daumen rauf heißt, du willst mehr." Versteegh (50), in dessen Hände man sich mit Haut und Haaren begab, ist seit 33 Jahren Flieger, seit 25 Jahren Kunstflieger, schmückte mehr als 1250 Air-Shows. Mit "Mickey-Mouse-Flugzeugen" geradeaus zu fliegen ist ihm nämlich ziemlich bald fad geworden.

Ja keine Münze

Die erwartete Hercules landet, die Militärs geben den Start frei, zwei für den Gerätetransport völlig ungeeignete Geräte starten etwas versetzt, nahezu parallel. Ganz wichtig ist es, nichts eingesteckt zu haben, eine Münze könnte Fürchterliches anrichten im Cockpit, sie könnte den Piloten treffen.

Flug über Abu Dhabi, eine Mischung aus Meer und Land - prächtige Paläste, riesige Stadien, Pferderennbahnen, für die Stadterweiterung vorbereitete Wüstenstücke, auf denen vereinzelt noch Beduinenzelte auszumachen sind. Im zweiten Flieger sitzt der Kollege, man winkt einander zu, könnte sich fast die Hände reichen, wäre man nicht in eine Glaskuppel gehüllt, so gering ist der Abstand.

Der Race Track ist erreicht, ein 1400 mal 400 Meter großer Quader über einem Meeresarm, umrahmt von Downtown Abu Dhabi, der spektakulären, zeltüberdachten Marina Mall, wo wie so oft in dieser Gegend traditionelle arabische Kleidung unmittelbar neben geradezu sündhafter Wäsche feilgeboten wird, und dem kürzlich eröffneten Emirate Palace Hotel, in dem Versailles und der Petersdom schön Platz und 3000 Menschen Arbeit finden.

Menschleins Fixpunkt

"Auf die Flügelspitze schauen", sagt Frank, wohl wissend, dass das Menschlein einen Fixpunkt braucht im Leben, wenn sich alles rundherum dreht und bewegt, sich das Meer einmal oben und dann wieder unten befindet, wenn es nicht gerade rechts oder links oder vorne oder hinten ist. Die Maschine kippt, man hängt im Gurt, schön zu wissen, dass es eine Sekunde braucht, damit sie sich um 420 Grad um die Längsachse dreht, in einer Minute sind fast 100 Rotationen möglich. Dann geht's schurstracks gen Himmel, im Looping faltet die Fliehkraft die Wangen, Speibsackerl gibt's keines.

Die Tore, durch die gerast wird, schwimmen auf Pontons, sie sind 19 Meter hoch und bestehen aus aufgeblasenem Spinnakertuch, man nennt sie Obstacles. Frank trifft immer wieder genau durch, träfe er nicht, würde das Tuch zerreißen und nicht der Flieger. Zum Schlechtwerden fehlt schlichtweg die Zeit, und weil eh alles schon wurscht ist, und das Adrenalin, wie es Frank ebenfalls angekündigt hat, in Strömen fließt, ist man nur noch im Besitz von willkürlichen Muskeln, sie sorgen dafür, dass beide Daumen in die Höhe gestreckt werden.

Mickey Mouse

Nach wenigen Minuten ist der Spaß bedauerlichweise vorbei, der Rückflug, ein vergleichsweise ganz normaler Flug, bietet wieder schöne Ausblicke. Euphorisiert und enthusiasmiert entsteigen die gemeinen Menschen den Kunstflugzeugen, bedanken sich artig und voller Demut, sind stolz erfüllt, und dem Stolz kann nicht einmal was anhaben, dass Frank wohl ein Mickey-Mouse-Programm geflogen ist, aber so genau will man es gar nicht hören.

Im Rennen, bei dem es um Zeit geht, was den Rennkurs betrifft, und um Punkte, was die eingeworfenen Kunststücke zwischen den Obstacles angeht, siegte der Ungar Peter Besenyei, Frank Versteegh landete auf Platz acht. Beseneyei: "Ein Rennen auf höchstem Niveau. Von der Klasse her hätte jeder gewinnen können." Besenyei ist der Initiator der World Series und daheim ziemlich bekannt. 2001 flog er unter der Budapester Kettenbrücke durch; mit dem Kopf nach unten.

Das nächste Air-Race steigt am 12. Juni in Rotterdam, das übernächste am 25. Juni Zeltweg, Österreich. (Benno Zelsacher, DER STANDARD Printausgabe 11.04.2005)

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