Die Suche nach dem Bruttosozialglück

3. November 2006, 13:09
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Von königlich ver­ordneter Demokratie, welt­gewandtem Eigen­sinn und den Vorzügen eines Hundelebens im Land des Donnerdrachen

Wenn es Abend wird, legt sich Hundegekläff über Thimphu. Tausende räudiger Straßenköter streunen durch die bhutanische Hauptstadt. Die Behörden unternehmen nichts dagegen. "Wer sich Verdienste erwerben will", heißt es in einem Sprichwort, "sei gut und freundlich zu Hunden." Denn sie hätten die beste Chance, als Menschen wiedergeboren zu werden. Die Bhutaner halten sich daran. Und das ist nicht die einzige Eigenheit, die sie pflegen.

Bhutan, das "Land des Donnerdrachen", ist eines der am wenigsten entwickelten Länder der Erde. Dennoch nehmen König Jigme Singye Wangchuk und seine Regierung bewusst nicht jedes Geld an, das sie für die Entwicklung des Landes bekommen könnten. Den Bhutanern geht es um "Gross National Happiness", um Bruttosozialglück. Mit dieser vorderhand einigermaßen autoritär anmutenden Formel soll das Land behutsam vom Mittelalter ins 21. Jahrhundert gebracht werden.

Königliche Verfassung

Dafür will der König selbst seine nahezu absolute Macht abgeben. Er hat 50 Verfassungen studiert (auch die der EU) und einen Entwurf schreiben lassen, der die Einführung einer Demokratie in Bhutan vorsieht, obwohl das seine Untertanen nicht so recht wollen. Aufstand dagegen gibt es keinen, wie es auch gegen das jüngst erlassene Rauchverbot keinen gegeben hat. Im buddhistischen Bhutan sei das undenkbar, erklärt Tashi Choden von der Nationalen TV-Station BBS fast schockiert. - "Are you happy?" "Yes", sagt sie trocken.

Der König ist beliebt bei den Bhutanern. Er hat das Land in den mehr als 30 Jahren seiner Regentschaft unabhängig gehalten (im Gegensatz etwa zum Königreich Sikkim, das 1971 an Indien fiel), vorsichtig geöffnet und für Stabilität gesorgt: Der Tourismus hat unter seiner Regentschaft stetig zugenommen. Seit 1999 ist Satellitenfernsehen erlaubt, derzeit wird aber gestritten, ob denn nicht Sender wie MTV aus dem Programm zu nehmen seien. Die Alphabetisierungsrate ist unter Jigme Singye Wangchuk von 20 auf 40 Prozent gestiegen. Er hat aber auch eine chauvinistische "Bhutanisierungspolitik" zu verantworten.

"Entwicklungspartnerschaft auf Augenhöhe"

Welche Art der Entwicklungszusammenarbeit (EZA) die Bhutaner wollen, bestimmen sie konsequent selber. Österreich ist einer von sechs Partnerstaaten. "Das ist eine Entwicklungspartnerschaft auf Augenhöhe", erklärt Außenministerin Ursula Plassnik. Es gebe ein "Bündel an Gemeinsamkeiten" zwischen Österreich und dem Himalaya-Land. Daraus habe sich ein "Musterfall der EZA" entwickelt. Vor allem, weil Know-how im Land bleibe.

Die Bhutaner wollten Österreich vor allem als Partner für Wasserkraft- und Tourismusprojekte: Die Unterstufe des 64-MW-Werkes Basochhu - das größte je von der österreichischen EZA realisierte Einzelprojekt - etwa eröffnete Ministerin Plassnik vor zwei Wochen. Das rund 50 Millionen Euro teure Projekt wurde ausschließlich von Bhutan finanziert, die Arbeiten von der VA Tech, der Alpine Mayreder, Alstom und der Verbundplan ausgeführt. Basochhu deckt 60 Prozent des bhutanischen Stromverbrauches, das Werk wird ausschließlich von Bhutanern betrieben.

Sanfter Tourismus

Im Tourismusbereich entsteht derzeit mit österreichischer Hilfe ein Masterplan, Ziel ist sanfter Tourismus. Die Saisonen für Trekker und Kulturreisende sollen entzerrt, Ankünfte von gut 9000 auf vorerst 15.000 gesteigert werden. Jeder Tourist zahlt derzeit 200 US-Dollar pro Tag. 70 Dollar davon, die so genannte Royalty, gehen in Gesundheits- und Bildungswesen. Um die Infrastruktur zu verbessern, wird in Thimphu mit österreichischer Unterstützung eine Tourismusschule errichtet (deswegen war auch Bildungsministerin Elisabeth Gehrer zu Ostern in Bhutan).

Von den Österreichern habe er gelesen, sagt Herr Ugyen, der am Markt von Thimphu einkauft. "Sie helfen uns. Das Leben ist hart hier, aber wir werden es packen. Auf Wiedersehen." Herr Ugyen macht einem vorbeitrottenden Hund Platz. Er müsse noch Kohl kaufen. Mit etwas Glück sei der günstig zu haben, sagt er. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.4.2005)

von Christoph Prantner
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    Jigme Singye Wangchuk, König

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