Fischauskochen hinter Klinkern

15. April 2005, 22:15
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Mit der bahnbrechenden Theaterinstallation "The Long Life" wird der lettische Theatermacher Alvis Hermanis bei den diesjährigen Wiener Festwochen gastieren

Dort, wo sich Rigas mittelalterliches Häuserensemble gegen das Freiheitsmonument hin öffnet, verliert Lettlands rund 700.000 Einwohner zählende Hauptstadt ihren abgeschotteten Museumscharakter mit lauchfarbenen Fassaden: Ab nun führen mehrspurige Siegesstraßen des Sozialismus hinaus in das sternförmig aufgefächerte Elend der postsowjetischen Peripherie.

Alvis Hermanis (39), der in Westeuropa viel gefragte Regisseur komplizierter szenischer Installationen, ein wortkarger Intellektueller, deutet auf den sonnigen Asphalt hinaus und quittiert den heraufziehenden Lenz - in den Parkanlagen kleben noch Häufchen verpappten Schnees - seufzend: "Das Leuchten der Frühjahrssonne ist hier zu Lande eine Art Startschuss! Ab nun wird man wieder vom Anblick junger Mädchen belästigt, die sich wie westliche Transvestiten herrichten!" Hermanis leitet seit 1997 das New Riga Theatre, das Jaunais Rigas Teatris: Ein prosperierendes Stadttheater hinter einer schmucken Gründerzeitfassade, während rundum windschiefes Holz an Gogols Tote Seelen denken lässt.

Hier läuft seit Ende 2003 (Lettland, die spröde mittlere Schwester der drei Baltikumstaaten, war noch gar nicht bei der EU) die Theaterproduktion The Long Life: ein nahezu textloses Gebilde für fünf 30-Jährige, die in den Masken sabbernder Greise und dicklicher Matronen ihre materiell entblößten Dämmerexistenzen in einer Rigaer Komunalka-Wohnung miteinander totschlagen (siehe auch nebenstehende Kritik). Hermanis liebt seine virtuosen Schauspieler, die wie Käfer zwischen den Hügeln sedimentierten Sowjetplunders herumwischen, nachdem sie sich furzend und schmatzend aus ihren rostigen Klappbetten hochgeturnt haben, um nun an den einfachsten hygienischen Verrichtungen grotesk zu scheitern.

Im selben Moment bekennt er, an der Egozentrik schauspielerischer Personalstile Anstoß zu nehmen: "Ich glaube nicht, dass es irgendein Kriterium gibt, wonach die durchschnittliche Schauspielerexistenz interessanter sein soll als das Leben irgendeines anderen Durchschnittsmenschen!" Nun gewinnt der unvoreingenommene Zuseher freilich den Eindruck, dass hier kein Sozialporno gezeigt, sondern ein schauspielmechanisches Uhrwerk in seliger Autonomie entwickelt würde.

"Ganz falsch", schüttelt Hermanis den Kopf: "Ihr Deutschen - Pardon, Ihr deutschsprachigen Theatergeher - müsst immer alles furchtbar verkomplizieren! Die Wahrheit liegt doch auf der Hand: Ich habe meine Schauspieler zuallererst zur Einholung von Beobachtungen losgeschickt. Hierauf haben wir das Material gesichtet und daraus dann das Projekt entwickelt."

Theorie und Praxis

Na ja, im Kleingedruckten stand da aber was von Methoden des späten Stanislawski: von den Verkettungen in der Dingwelt, die das Verhalten der Schauspieler unweigerlich determinierten, sodass jeder Wirklichkeitstransfer zugleich auch die Konstellation der Interagierens verändert. Jetzt seufzt Hermanis: "Also wir hier in Lettland bevorzugen einen einfachen, emotionalen Zugang zu den Dingen."

Als die Europäische Union dem baltischen Dreigestirn in den 90ern schöne Augen zu machen begann, wären ein paar unumstößliche Beitrittsbedingungen aufgestellt worden: Die hereinfließenden Subventionen wurden als Investitionsgelder behandelt.

In die Erhaltung der sozialen Sicherungssysteme wurde wenig bis gar nichts hineingesteckt. Heute trauen sich die verarmten Alten nicht einmal mehr auf die Straßen. Hermanis: "Sie verkörpern ja auch nicht die Leitbilder von Schönheit und Konsumkraft!" An die wahren Tabus kann man schwer rühren: Jene überwiegend älteren Russen, die nach der Befreiung Lettlands von der SU im Land geblieben wären, haben keine Lobby. Sie schlagen sich durch die Pennymärkte und kochen auf der sozialistischen Herdplatte alte Fische aus.

Heute befindet sich in jedem zweiten Rigaer Innenstadthaus eine Bankfiliale - in circa jedem dritten lädt hingegen ein "Kasino" zum Verjubeln von "Lati". Der Innenraum dieser Übertrittgesellschaft wird von Ausschlussverfahren gebildet. Nur im tragischen Selbstgefühl finden die Letten zueinander. Hermanis: "Eines Abends waren die Spitzen des Kabinetts in The Long Life. Am Schluss wird in der Produktion ein Fernseher aufgedreht, und der Zuschauer empfängt die ,realen' Abendnachrichten. Da erfuhren die Minister, dass ihre Regierung gestürzt war. Sie blieben im Theater und gossen sich ordentlich einen hinter die Binde!"(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 4. 2005)

  • Regisseur Alvis Hermanis blickt auf eine Übergangs- gesellschaft.
    foto: standard/festwochen/janis buls

    Regisseur Alvis Hermanis blickt auf eine Übergangs- gesellschaft.

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