Sündenfälle eines Pontifex

17. Mai 2005, 19:11
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Totengräber des Glaubens? Oder: Äußerer Glanz, innere Asche - Kommentare der anderen von US-Starkolumnist Christopher Hitchens und Theologe John Schelby Spong

Das ist eine Sache, die man einfach nicht auf sich beruhen lassen kann. Und hier sind eindeutig die amerikanischen Katholiken gefordert. Sie waren ja so mutig, den Papst zu verteidigen, als es um die Geburtenkontrolle ging. Und wenn sie nicht für jede Glaubwürdigkeit verlieren wollen, müssten sie dagegen protestieren, dass der Heilige Stuhl diesen miesen Herren in Schutz nimmt. Aber hat man schon irgendwo von so einem Protest gelesen? Wird irgendein Nachruf in dieser Woche des Gedenkens auch nur ansatzweise daran erinnern? Natürlich nicht.

Als der Oberste Gerichtshof vor einigen Wochen gegen die Hinrichtung von Minderjährigen urteilte und auf die Dringlichkeit hinwies, sich dem internationalen Konsens in dieser Frage anzuschließen, war die christliche Rechte empört über die Vorstellung, dass fremde Regierungen auf die Entscheidung eines US-Gerichts Einfluss nimmt. Aber nur wenige Augenblicke später erschienen Terri Schiavos Eltern vor dem nämlichen Gericht, und forderten den Richter über ihren Rechtsanwalt auf, die kirchliche Lehre über Fegefeuer und Hölle zu beachten und was das für den Seelenzustand der Verstorbenen bedeutet. Der Vatikan ist eine ausländische Regierung, was sich nicht zuletzt im Austausch von Botschaftern manifestiert. Wenn deren klerikale Unterstützer nun versuchen, die US-Verfassung mit solchen Forderungen kurzzuschließen - erwartet man dann, dass wir das widerspruchslos hinnehmen?

"Wie viele Divisionen hat der Papst", soll Stalin einmal soöttisch gefragt haben. Er übersah, dass der Papst tatsächlich Legionen mobilisieren kann: Kein Nachruf auf JPII wird z.B. versäumen, darauf hinzuweisen, welche enorme politische Veränderungen der Papst in Polen bewirkt hat. - Ein Punkt für ihn, würde ich sagen. (Jedenfalls hat er sich dabei besser verhalten als bei seinem Empfang für Tariq Aziz, dem blutigen Henker des Saddam-Regimes.) Aber man verwechsle bitte nicht die Unterminierung einer stalinistischen Bürokratie in einem katholisch dominierten Land mit dem schleichenden Versuch, das Gesetz in einer säkularen Demokratie zu beugen. Und man tue nicht so, als wäre das kein Problem. (Aus einem Kommentar für das Online-Magazin "Slate")

Der anglikanische Bischof John Shebly Spong, führt Hitchens' Kritik in einem Beitrag für die "New York Times" sozusagen nahtlos fort:

Der Kontrast zwischen dem öffentlichen Bestehen der Kirche auf eine traditionelle Moral und ihre private Toleranz für den priesterlichen Missbrauch junger Menschen war empörend. Es war das Symptom einer instititutionellen Krankheit, die dieser Papst entweder ignorierte oder bestritt. Kein Führer einer Institution kann glaubwürdig die öffentliche Moral beeinflussen, wenn er die private Unmoral im eigenen Haus nicht bekämpft. Tut er es doch, werden seine Glaubwürdigkeit und sein Einfluss diesem Prozess unausweichlich zum Opfer fallen, und ich befürchte, dass dies auch diesem Papst in seiner Zeit auf dem Heiligen Stuhl passiert ist. Die destruktivste Einstellung des Papstes und seines Klerus manifestierte sich nicht zuletzt auch in deren Umgang mit katholischen Gelehrten. Theologische Kreativität wurde so gut wie ausgelöscht. Die Bereitschaft, neue Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, wurde durch eine inquisitionsartige Mentalität unterdrückt, indem man so einflussreiche katholische Theologen wie Leonardo Boff, Charles Curran, Matthew Fox, Hans Küng und Edward Schillebeeckx, um nur die Prominentesten zu nennen, permanent drangsaliert, bestraft und schließlich von ihren Lehrstühlen entfernt hat. Unterhalb der Ebene dieser Giganten hat diese Einschüchterung viel Ressentiment und Enttäuschung aufgebaut. Aus Folge werden heute wenige katholische Stimmen in den aktuellen theologischen Debatten gehört. Das gesamte Christentum hat dadurch verloren.

Die alten theologischen Formeln sind heute völlig überholt. Ein Gott, der von seinem himmlischen Thron aus in der Menschheitsgeschichte eingreift ist in der Zeit nach Kopernikus, Kepler, Galileo und Einstein belanglos geworden. Die Vorstellung, wonach die Menschheit gut begonnen hat, dann der Sünde verfallen ist und ihr nur durch den Opfertod von Jesus göttliche Rettung zuteil geworden ist, wirkt heute wie psychologischer Missbrauch.

Der Papst hat sich stets geweigert, sich diesen Fragen zu zu stellen; seine Hingabe an die seltsamen, überholten Aspekte der katholischen Orthodoxie haben dem Christentum den Status eines religiösen Nebenschauplatz am Rande der modernen Gesellschaft verliehen.

Schließlich hat die Veröffentlichung der offiziellen Erklärung "Dominus Iesus" im Herbst 2000 den letzten Nagel in den Sarg der Ökomene geschlagen.

Als Folge seiner Behauptung, dass allein die Katholische Kirche Anspruch auf theologische und geistige Richtigkeit besitzt, wurde die unter Johannes XXIII. so lebendige und hoffnungsvolle ökumenische Bewegung ein weiteres Opfer dieses Papsttums.

Die Welt wird das Bild und die Persönlichkeit von Johannes Paul II. vielleicht vermissen, aber in die Geschichtsbücher wird er als Mann eingehen, der viel zum Untergang des christlichen Glaubens beigetragen hat ... (DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2005)

US-Starkolumnist Christopher Hitchens erinnert in seinem Nachruf auf den Papst an die Haltung Roms zur Kindesmissbrauchaffäre um den Bostoner Kardinal Bernard Law.


John Schelby Spong zählt zu den bekanntesten und streitbarsten Theologen Amerikas, 2001 erschien sein Buch "Ein neues Christentum für eine neue Welt"
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