Wenn ein Greis zum Popstar wird

13. Mai 2005, 11:33
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Ein Begräbnis als jugendliches Medienereignis - von Konrad Paul Liessmann

Für den Bewohner einer säkularen Welt hielten der Tod und das Begräbnis des Oberhaupts der katholischen Kirche einige veritable Überraschungen bereit. Ließ sich die weltweite Ergriffenheit angesichts der Bilder des leidenden und sterbenden Papstes noch mit den spätestens seit dem Tod von Lady Diana offenbar gewordenen Möglichkeiten, globale Erregungszustände massenmedial zu induzieren, begreifen, so stellen die nach dem Tod einsetzenden und am Begräbnistag kulminierenden gigantischen Pilgerströme vor allem auch junger Menschen nach Rom ebenso einen erklärungsbedürftigen Irritationspunkt dar wie die Tatsache, dass am "größten Papstbegräbnis der Geschichte" (ORF) nicht nur Millionen von Gläubigen, sondern auch unzählige weltliche Würdenträger teilnahmen und sich kaum eine Fernsehanstalt einer Direktübertragung dieses rituellen Ereignisses entziehen konnte. Einer oft als krank und rückständig beschriebenen Kirche gelang offenbar durch den Tod ihres Oberhauptes eine glanzvolle mediale Auferstehung.

Unwiderstehliche Attraktion

Was schon das Leben und Wirken des verstorbenen Papstes auszeichnete, potenzierte sich in seinem Tod zu einer unwiderstehlichen Attraktion: der Zusammenprall der ältesten und konservativsten Organisation dieser Erde mit den Gepflogenheiten einer modernen Medienwelt. Der Tod dieses Papstes hat gezeigt, dass nicht nur derjenige in dieser Welt am erfolgreichsten ist, der sich ihrer Ideologie der Modernisierung und Liberalisierung und ihrem Diktat der raschen Bilder bedingungslos unterwirft.

Was an den Übertragungen und Berichten der letzten Tage faszinierend war, gründet nicht zuletzt in der Tatsache, dass in einer Welt, die sich selbst ständig ihre rasche Veränderbarkeit und ihre Beschleunigung zugute hält, plötzlich von Begräbnisritualen die Rede war, die aus einem anderen Zeitalter stammen, und von Wahlordnungen, die sich seit Jahrhunderten kaum geändert haben. Und eine anglisierte Welt musste sich plötzlich mit exotisch wirkenden Begriffen aus dem Lateinischen durchsetzen lassen. Nicht zuletzt an den Bildschirmen wurde so evident, was gesellschaftliche und institutionelle Kontinuitäten tatsächlich bedeuten, und auch deshalb wurde viel vom Hauch der Geschichte geraunt, der am Petersplatz zu spüren gewesen sein soll.

Seltsame Hoffnung

Was wirkt, ist der Kontrast. Dass sich vor allem junge Menschen für einen Papst enthusiasmieren konnten, der theologisch als konservativ galt, mit einer dem Zeitgeist in allen Punkten widersprechenden Sexualmoral und einer kritischen Einstellung gegenüber den Segnungen des Neoliberalismus und seiner Jugendkulturen, kann nicht nur als Ausdruck eines Unbehagens in der globalen Kultur gedeutet werden, sondern gibt auch zu einer eigentümlichen Hoffnung Anlass: Auch in einer dem Phantasma der Jugendlichkeit verfallenen Welt, in der Alter zunehmend als Belastung und soziales Ärgernis gilt, hat ein kranker Greis gute Chancen, ein Popstar zu werden.

In seinem Pariser Exil schrieb ein deutsch-jüdischer Philosoph einmal den Satz: "Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestationgegen das wirkliche Elend." Das öffentliche Sterben des Papstes und die wirklichen und virtuellen Wallfahrten zu seinem Begräbnis könnten auch als Bestätigung dieser These unter den Bedingungen der modernen Mediengesellschaft gelesen werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2005)

Konrad Paul Liessmann ist Philosoph und Kulturessayist
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