Verschlampte Geschichte

15. April 2005, 12:19
posten

Veit Heinichens vierter Krimi entzieht sich vereinnahmenden Interpretationen

In Österreich ist ein neuer Triest-Krimi von Veit Heinichen ein literarisches Ereignis. Seine ersten drei Romane schafften es alle auf die österreichischen Bestsellerlisten, wo sie teilweise lange Zeit verblieben. Die vielen Fans von Proteo Laurenti werden jedoch rasch merken: Diese vierte Lieferung ist anders. Zwar verweigerten sich auch die früheren Texte durch vielsträngige Handlungsfolgen und multiple Zeitebenen dem Konsumbedürfnis des Lesers und dem Sehnen nach bequemen linearen Abläufen. Trotzdem wurde jedes dieser drei Bücher irgendwo zu Ende erzählt und Probleme wurden zwar nicht unbedingt gelöst, jedoch zumindest produktiv thematisiert.

Der Titel des neuen Bandes ist programmatisch. Im wild-zerklüfteten Rosandratal zwischen der Stadt Triest und der grünen Grenze mit Slowenien wird im unendlich heißen Mai des Jahres 2003 ein Toter gefunden. Die Person selbst hat zwar wenig Bedeutung, und die Situation ist noch dazu reichlich absurd - im Zuge einer Vergewaltigung erstickt der Täter an einem Ohrring seines Opfers -, aber dieser Tod hängt mit allem anderen zusammen und wirft deshalb tatsächlich einen langen Schatten voraus. Denn die Vergewaltigte ist eine Australierin triestinischer Abkunft, die eine Halle im Industrieviertel geerbt hat, in der eine riesige Waffensammlung lagert. Diese Waffensammlung führt zu dem bereits 1974 ermordeten Hobbyhistoriker und Museumsgründer Diego de Henriquez, der viel über die triestinischen Kollaborateure während des Naziregimes wusste und vermutlich noch mehr über Täter und Taten im einzigen deutschen Vernichtungslager auf italienischem Boden, in der Risiera di San Sabba. Ein gefährliches Wissen, wie die taubstumme Russin Irina, die von einem brutalen Verbrechersyndikat, das behinderte Menschen aus Osteuropa zum Betteln auf westeuropäische Straßen schickt, erfahren muss.

Irina fallen wichtiges Material zur Nazivergangenheit von Triestiner Persönlichkeiten sowie 300.000 Euro Informationsentgelt richtiggehend vor die Füße. Dafür wird sie von einem anderen Syndikat gehetzt und entführt, das mit diesem Material Erpressungen betreibt, in der Hauptsache jedoch Waffen auf den Balkan schmuggelt. Zu all dem kommen - zunächst scheinbar als komische Einlage - noch die Aktionen einer tierschützerischen Gruppe namens "Mucca pazza" (verrückte Kuh, italienisch für Rinderwahn), die die Stadt mit ihren witzigen und künstlerisch ansprechenden Parolen gegen die europäischen Viehtransporte in Staunen versetzt.

Auch auf dreihundertachtundfünfzig Seiten kann eine solche Ansammlung von Themen und Konflikten nicht erschöpfend abgehandelt werden. Der Erkenntnisfortschritt des Lesers verläuft hier nicht von Unklarheit zu Klarheit, von Unwissen zu Wissen, sondern von der (naiven) Hoffnung, irgendwann einmal alles zu verstehen, zur Einsicht, dass die wichtigen Drahtzieher, Rädelsführer und teilweise auch Motivationen im Verborgenen bleiben müssen. Dies wird nicht nur deutlich durch die konfliktreiche Konkurrenz von Polizei und Carabinieri, denen auch noch die Schlapphüte des römischen Geheimdienstes an die Seite gestellt werden. Der Roman gibt - besonders durch den Mund des altgedienten und inzwischen endlich pensionierten Gerichtsarztes Galvano, eine der köstlichsten Figuren in Heinichens Romanwerk - auch einer Fülle von Verschwörungstheorien Raum. Das reicht vom Malteser-Orden, dem weltumspannende Machinationen vorgeworfen werden, über politische italienische Logen (mit CIA-Hintergrund) bis hin zur EU, die für Intransparenz und Politfilz sorgt und deren Agrarpolitik Tierquälerei - siehe "Mucca Pazza" - auch noch finanziell fördert.

Der an Norman Mailer gemahnenden mysteriösen Kontrolle dieser Welt durch Geheimdienste, Geheimbünde und Geheimorden, von Heinichen in monatelanger Arbeit recherchiert, entspricht formal eine kaum zu durchschauende Erzählstruktur, die nichtsdestotrotz äußerste Spannung produziert. Die 24 ganz verschieden langen Kapitel des Bandes bilden keinerlei unmittelbar strukturbildenden Abschnitte, ihre Titel kommentieren ironisch bis boshaft die erfolglosen Bemühungen des Lesers um baldiges Verständnis des Gesamtzusammenhangs. In sich schlüssige Einheiten, die ein wenig wie Filmszenen wirken, sind die oft nur wenige Seiten oder gar Zeilen langen 98 Passagen zwischen Sternchen, die jedoch chronologisch ungeordnet sind und nur durch wiederholt - wenn auch aus ganz verschiedenen Bewusstseinslagen heraus - erzählte Vorfälle miteinander verbunden sind.

Diese Technik macht die Zeit und die vor allem subjektive Zeitentwicklung zum wichtigen Thema des Romans. Die unaufgearbeitete Geschichte ragt in zerklüfteten, karstigen Riesenblöcken in die Gegenwart Triests hinein: "Egal was hier passiert", sagt der wie Laurenti nicht aus Triest stammende Staatsanwalt Scoglio, "es hat fast immer mit der Vergangenheit zu tun, oder mit den Klischees, die sie erzeugt hat. Mit der Geschichte, besser gesagt, mit dem verschlampten Teil der Geschichte."

Dieser vielstimmige und vielbödige Roman, dessen Recherche in einer Sendung der Rai dokumentiert wurde, entzieht sich vereinnahmenden Interpretationen. Wie der weiße Wal in Herman Melvilles Roman Moby Dick, den Commissario Laurenti immer wieder zu lesen versucht, ist dieser Roman mit Deutungspotenzialen aufgeladen, die zur Diskussion der komplexen globalisierten Welt auffordern. Das Äquivalent zum weißen Wal ist dabei die Stadt selbst, ein Mikrokosmos unserer Welt, in der "über neunzig Ethnien ihre Einflüsse hinterlassen haben". Veit Heinichen ist ein provozierendes Buch gelungen. (Der Standard, Printausgabe, ALBUM, 9./10. 04. 2005)

Von Walter Grünzweig
  • Veit HeinichenDer Tod wirft lange Schatten € 22,10/358 Seiten. Zsolnay, Wien 2005.
    foto: buchcover

    Veit Heinichen
    Der Tod wirft lange Schatten
    € 22,10/358 Seiten. Zsolnay, Wien 2005.

Share if you care.