Sprachfragen der Nähe und der Distanz

18. April 2005, 14:53
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Jazz-Sängerin Elfi Aichinger meldet elf Jahre nach ihrer letzten Veröffentlichung mit "Z'ruck zu mir" zurück

Wien - "Diese CD hat auch etwas mit dem Reiferwerden zu tun. Was nicht heißt, dass ich als nächstes nicht etwas ganz anderes treibe. Ich will durchaus ,erwachsen' sein in meiner Stille, aber ich will nie sagen müssen: Früher war ich wild." Also sprach Elfi Aichinger, Komponistin, Sängerin und Pianistin, die in den 80ern als "Enfant terrible" der Jazzszene ihr Suchen und Leiden an der Welt in intelligente Musikformen goss (Bandprojekte wie Jubilo Elf) und trotzig-lustvoll aus sich herausschrie.

Der Grund, weshalb die 43-Jährige von "erwachsen sein" spricht, ist ein silberscheibenrunder, bedeutungsvoller. Schließlich ist "Z'ruck zu mir" ihre erste CD seit elf Jahren, genauer: seit Kiss The Frog (1993). Es folgte 1994 die symphonische Festwochen-Komposition "Zum Sterben bin ich viel zu jung" - und dann nicht mehr viel: Neben Lehrverpflichtungen in Linz und Wien sowie Stücken etwa für das Klangforum war für Aichinger eine doppelte "Babypause" angesagt. Das spannend besetzte Memorable Incident-Projekt aus 2001 bedeutete den Schritt zurück auf die Bühne.

Erstmals deutsche Texte

Und was hat es nun also mit "Z'ruck zu mir" auf sich? "Das Projekt entstand auf Einladung des Brucknerhauses", so Aichinger. "Ich wollte dafür etwas thematisieren, das mich seit langem beschäftigt: auf Deutsch zu singen. Um die Distanz der englischen Texte hinter mir zu lassen, die von einem Großteil des Publikums nicht verstanden werden. Dass dies dann in den Dialekt abgedriftet ist, hat sich ergeben." Aichinger wäre nicht Aichinger, wäre ihr nicht die entstehende Problematik der assoziativen Nähe zu Austropop-Sphären klar gewesen:

Weshalb sie anstelle eines akustischen-elektronischen Bandsettings auf die Streichquintett-Kombattantenschaft des Koehne-Quartetts setzte. Es sind diese in ihrer ökonomischen Kompaktheit, ihren leuchtendem Farben an Minimal Music und osteuropäischer Volksmusik andockenden Ensembletexturen, in denen sich auf der CD Aichingers Qualitäten erweisen, dergestalt, dass die Komponistin deutlich überzeugender wirkt als die Texterin und die Sängerin - die den auch in balladesken Stimmungen notwendigen gestalterischen Nachdruck zuweilen vermissen lässt (Ausnahme: das wie in alten Zeiten grandios görenhaft interpretierte Traumvogel). Aichinger, von der man weiß, dass sie live noch stärker aus sich herausgeht, betont denn auch den Versuchscharakters des Projekts:

"Sprache ist Identität. 'Wohin gehöre ich?' - Das war immer mein Thema. Dass ich Dialekttexte interpretiere, heißt nicht, dass das nun so bleiben muss. Vielleicht ist das einfach meine Brücke zum Singen auf Deutsch. Dialekt schafft oft Nähe und Wärme, kommt mir aber auch oft aufgesetzt vor. Ich glaube, in dieser Zeit geht es vor allem darum, authentisch zu sein. Faces gibt es schon zu viele." (DER STANDARD, Print, 9.4.2005)

Von Andreas Felber
  • Elfi Aichinger
    foto: standard/regine hendrich
    Elfi Aichinger
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