Ein Bett im Reisfeld

12. Mai 2005, 09:59
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Die Albufera, die grüne Seite Valencias - und idealer Ausgangspunkt, um die Boomtown Spaniens in aller Ruhe zu erkunden

Die Albufera ist der Geburtsort der Paella, die grüne Seite Valencias und der ideale Ausgangspunkt, um die Boomtown Spaniens in aller Ruhe zu erkunden. Die Region Valencia an der Costa Blanca überrascht durch landwirtschaftliche Besonderheiten jenseits touristischer Normalität. Ein Reisbericht von Renée Lugschitz


Valencia hat zu Lärm eine besondere Beziehung, eine besonders enge. Die Stadt am Mittelmeer ist berühmt für das Leben auf den Straßen, die Fiestas und die "Symphonien des Lärms" wie die Valencianos ihre Knallkörperkonzerte liebevoll nennen. Den Ruf, die lauteste Stadt Spaniens zu sein, hat sie sich redlich verdient. In den vergangenen Jahren ist Valencia zudem so richtig schick geworden. Ehemals ärmliche Innenstadt-Viertel wie das Barrio del Carmen werden zu Hot Spots, das Museumszentrum Ciudad de las Ciencias und besonders das Oceanográfico, der größte Meerestierpark des Kontinents, bringen internationales Publikum - und dann hat Valencia auch noch den Zuschlag für den America's Cup 2007 bekommen. Als erste Europäer dürfen die Valencianos den wichtigsten aller Segelbewerbe austragen. Die drittgrößte Stadt Spaniens freut sich zurzeit über die landesweit größte Zuwachsrate im Tourismus, die Bauwirtschaft über große Hotel- und Hafenprojekte und der Besucher über Luxus-Boutiquen, Designer-Bars und Restaurants mit Fusionküche. Kein Grund also, leiser zu treten.

Zehn Kilometer weiter südlich von Valencia sieht die Welt ganz anders aus. Reisfelder liegen rechts der Straße, Pinienwälder erstrecken sich links Richtung Dünen und Meer. Und während ein paar Autominuten entfernt die dressierten Delfine des Oceanográfico vor der Kulisse neuer Hochhäuser Kunststücke vorführen, dümpeln zigtausende Enten, Reiher und andere Wasservögel im See des Naturparks Albufera.

Die Albufera ist das Gegenstück zum Zentrum Valencias - still, grün, entspannt. Ein guter Ort, um von hier aus in aller Ruhe die Großstadt zu erkunden. Außerdem: der beste Ort, um das spanische Nationalgericht kennen zu lernen. Hier ist ein Reis entsprungen, die Paella hier geboren.

Im Schiff durchs Schilf

Über nicht ganz 18.000 Hektar erstreckt sich das Feuchtgebiet mit Dünenstrand. Der Großteil ist dem Reisanbau gewidmet. Immerhin noch knapp 3000 Hektar hat der über die Jahrhunderte schrumpfende See der Albufera. Zu Zeiten von Plinius war er noch zehnmal so groß.

Bei aller Begeisterung über ihre neuen Kultstätten scheinen Valencias Tourismusverantwortliche die natürliche Ecke ihrer Stadt vergessen zu haben. Amtliche Informationen gibt es wenige. Die Valencianos selbst kennen und lieben ihre Albufera, die fremden Gelegenheitsgäste der Stadt brauchen davon nicht unbedingt zu wissen. "Seit sieben Monaten warten wir auf neue Folder", sagt die Angestellte im Informationszentrum des Biotops "Racó de l'Olla" bedauernd.

Vielfach ist diese Vernachlässigung allzu großer Aufmerksamkeit vorzuziehen. Diese wurde dem Feuchtgebiet in den Sechziger- und Siebziger-Jahren zuteil, einige abgeblätterte Betonklötze aus Diktator Francos letzten Jahren mitten in den Pinienwäldern zeugen davon, sonst herrscht hier die - mittlerweile geschützte - Natur vor. Lange Spazierwege entlang der Dünen oder an den Kanälen, die Lagune und Meer verbinden, lassen die nahe Großstadt weit zurück.

Zu einem Besuch in der Albufera gehört ein "paseo en barco" - eine Spazierfahrt im Boot, zahlreiche Schilder entlang des Ufers werben um Passagiere. Bootsmann Paco sticht vor El Palmar mit seinem alten grünen Motorkahn in See, die Rundfahrt führt etwa eine halbe Stunde durchs Schilf, umschwirrt von Enten, Reihern, Stelzenläufern und verschiedenen Schwalbenarten. Der Bootsführer mit der üblichen Zigarre stammt wie alle seine Kollegen aus dieser Gegend. Die Reisfelder der Familie habe der Bruder geerbt, erzählt er, ihm blieb das Haus. Das Auslangen findet er mit den Bootstouren.

Die Albufera ist wichtiges Schutzgebiet für Wasservögel. Viele bleiben hier das ganze Jahr und nisten im Schilf, "am meisten Vögel sind im Winter hier, das ist die beste Zeit", sagt Paco und wirft altes Brot ins Wasser, auf das sich sofort ein paar kohlrabenschwarze Enten stürzen. Unter Wasser leben Wolfsbarsche, cangrejos americanos - amerikanische Krebse -, Karpfen und vor allem Aale. "All i pebre" mit Aal, Knoblauch und den Chilischoten ist neben Reis das zweite Regionalgericht.

Reis-Angebote
Mit beiden werben die unzähligen Restaurants an Land. Egal, ob gehobene wie die "Casa Carmina" in El Saler oder in ihrer Schlichtheit sehr valencianische wie das "El Rek" in El Palmar. Der Name "Paella" bezeichnete ursprünglich nur die flache Pfanne, in der Reis zubereitet wird: original mit Huhn und Kaninchen, oder mit Meeresfrüchten, mit Seeteufel und Pilzen, nur mit Gemüse oder in einer der hunderten anderen Varianten. Paella wiederum ist nur eine von drei Arten von Reisspeisen - diese gibt es trocken aus der Pfanne (eben als Paella), oder feucht-cremig (meloso) oder auch ganz nass (caldoso) im suppenartigen Eintopf. Arros amb fesols y naps ist eines der berühmtesten Gerichte der Gegend. Ein Reistopf mit Fisolen und Bohnen, Ente, Schwein und Huhn. Weniger bodenständig, aber um nichts leichter sind die arroces, die mit Spaniens wachsendem Wohlstand in die Küchen Einzug gehalten haben - mit Hummer oder Languste.

Wer ein Bett im Reisfeld sucht, hat zwei nennenswerte Hotels im Park zur Auswahl: den Parador El Saler mit vier Sternen und 18-Loch-Golfplatz und das Fünf-Sterne-Haus Sidi Saler. Dieses ist von innen bedeutend schöner als von außen, was zumindest für den Hotelgast besser als umgekehrt ist. Für alle Regen-Fälle verfügt das Haus sogar über ein Hallenbad.

Und noch eine große Annehmlichkeit bietet das Hotel: Fast stündlich fährt ein Kleinbus Gäste zum Trubel in die Stadt. Das Schöne daran: Der Bus bringt sie auch wieder zurück zur Natur. Gleich draußen vor der Stadt. (Der Standard, Printausgabe, 9./10. 04. 2005)

Links

comunitat
valenciana.com


parques
naturales.gva.es


parador.es

sidisaler.com

Centro de Información Racó de l'Olla, Ctra. del Palmar s/n, 46012 Valencia
Tel. +34-961-627345
Flug mit Fly Niki von Wien und Salzburg nach Valencia ab 49 € pro Strecke.
  • Die im Süden der Stadt Valencia gelegene Albufera-Lagune ist einer der wertvollsten Naturräume am Mittelmeer. Auf dem Küstenstreifen, der die Lagune vom Meer abtrennt, erheben sich Dünenformationen, die wiederum durch Senken, so genannte Mallades, voneinander getrennt sind.
    foto: tourismusseite valencia

    Die im Süden der Stadt Valencia gelegene Albufera-Lagune ist einer der wertvollsten Naturräume am Mittelmeer. Auf dem Küstenstreifen, der die Lagune vom Meer abtrennt, erheben sich Dünenformationen, die wiederum durch Senken, so genannte Mallades, voneinander getrennt sind.

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