Rasende Stillsteher

14. November 2005, 17:52
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Filmemacher Michael Kreihsl hat sich als Regisseur für die Nestroy-Premiere von "Nur Ruhe!" ein verzwicktes Werk ausgesucht: Zeit, das heimische Bewusstsein zu erkunden

Wien - Ein so genannter Lederermeister - und Gerbereien sind Schwaden von Gestank ausbrütende Manufakturen! - beschließt aus Anlass seines 55. Wiegenfestes, sich von den Zudringlichkeiten der Welt zurückzuziehen.

Dieser politisch heikle Biedermeier-Mann heißt "Schafgeist", wird ab Sonntag von Toni Böhm am Wiener Volkstheater gespielt (Premiere um 19.30 Uhr) und verkörpert in der Regie des hauptberuflichen Filmemachers Michael Kreihsl (47) jene zum Scheitern verurteilte Form österreichischer Weltflüchtigkeit, deren wohlfeiles Resignationspathos sich, tagespolitisch gesprochen, von den gelegentlichen Schüben manischen Reformeifers kaum mehr unterscheiden lässt. Wer buchstäblich alles umstülpen will, kann es nämlich genauso gut sein lassen: Aufklärerische Projekte, gar revolutionäre Ambitionen lassen sich mit einer solchen Alles-oder-nichts-Haltung schwerlich verwirklichen.

Regisseur Kreihsl nennt Nestroys untröstliches Gewitzel über Enthaltsamkeit in Nur Ruhe! im Gespräch: "Speed kills - wobei auf der anderen Seite politisch nichts weitergeht." Kreihsl möchte die Beurteilung eines zivilgesellschaftlichen Mangels, aus dem hier zu Lande die Ideologie technokratischer Fernversorgung geschöpft wird, ausdrücklich dem "mündigen Theaterbesucher" überlassen.

"Tatsache ist, dass Nestroy einen sehr abgründigen Schmäh hat. Ich habe mich ja auch filmisch mit absurden Autoren wie Daniil Charms ausführlich beschäftigt. Da habe ich eine extreme Neigung dazu, weil ich Realität nicht nur beschreiben möchte. Die Frage lautet doch: Was gibt's für Bewältigungsmethoden des Alltags?", sagt Kreihsl. In der Rolle des saufselig-intriganten Lederergesellen Rochus Dickfell spielt Wolfgang Hübsch - einer der genialsten Hofreiter, den das hiesige Theaterwesen in den letzten Dekaden gesehen hat, vor rund zwölf Jahren, im Rax-Schatten von Reichenau.

Kreihsl nennt seinen Filmpartner mit der soignierten Lederhaut eines erschlafften Wohllebemannes einen "wahren Volksschauspieler" - "und wenn mir das keiner glaubt, so behaupten wir es halt. Wir werden sehen, ob sich die so genannte ,veröffentlichte Meinung'", hier fletscht Kreihsl die Zähne, "unserem Dafürhalten anschließt!"

Kreishl bringt das Volkstheater nur rund alle vier Jahre zum Erzittern: "Ich muss mich nicht jede Spielzeit aufdrängen! Dabei ist die Theaterarbeit eine lohnende, weil umwegreiche." - Klar, Drehtage kosten ganz einfach viel Geld. - "Eh klar", sagt Kreihsl: "Aber idealerweise bringt man die Schauspieler auf dem Theater dahin, dasjenige zu tun, wovon sie glauben, dass sie es tun müssen. Und plötzlich deckt sich ihre Auffassung komplett mit der meinen!" Kreihsl bekommt für seine Ernst-Weiß-Verfilmung Mein Vater, meine Frau und meine Geliebte mit Gerti Drassl - sie spielt im Nestroy die verbohrte Tugendhopfenstange "Peppi" - demnächst eine Romy-Auszeichnung nachgeworfen - er erzählt das, als ob er sich den Mund abwischen müsste. Der gelernte Gemälderestaurator wird demnächst einen Liselotte-Pulver-Wirtschaftswundersäuselfilm nachdrehen: "Man sollte nämlich auch Unterhaltung mit Haltung produzieren können!" Und zur Politik solle man ihn besser nicht fragen. "Nestroy sagt: ,Ich brauche keine Ordnung, ich brauch eine Ruh!'" Man wird Kreihsl das Prädikat des Österreichertums - das unglückliche Bewusstsein - einräumen dürfen. (Der Standard, Printausgabe, 9./10. 04. 2005)

Von
Ronald Pohl
  • Michael Kreihsl, der am Volkstheater Jonke und britische Dramatik gemeistert hat, schultert Nestroy.
    foto: volkstheater

    Michael Kreihsl, der am Volkstheater Jonke und britische Dramatik gemeistert hat, schultert Nestroy.

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