Ein Übergang von wo nach wo

17. Mai 2005, 20:54
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Der Kräuterpfarrer des Kirchspiels "Kronen Zeitung" sieht den Herrn schon um einiges länger als der polnische Papst ...

Der Kräuterpfarrer des Kirchspiels "Kronen Zeitung" sieht den Herrn schon um einiges länger als der polnische Papst, was ihn Dienstag keineswegs hinderte, sich der irdischen Hülle eines Benedikt R. Felsinger o. praem. zu bedienen, um aus seinem Vermächtnis zu Lebzeiten aktuell Erbauliches über das Lebenszeugnis des Heiligen Vaters nachzuliefern. H.-J. Weidinger tat das gewohnt professionell, so dass Günther Nenning einige Mühe hatte, seinem jenseitigen Wirken schon im Diesseits jenen Schliff zu geben, der auch ihm dereinst eine Kolumne im Kleinformat über sein Ableben hinaus, gewissermaßen per saecula saeculorum, zu sichern geeignet ist. Das könnte sich als umso notwendiger erweisen, als die Chefstilisten der "Krone" den Mitgliedern des Kardinalskollegiums zwar an Taufrische um nichts nachstehen, aber praktisch unersetzlich sind.

Letztere werden Nenning dankbar sein, weil sein Vorschlag Mein neuer Papst die Qual der Wahl im Konklave diesmal beträchtlich verkürzen sollte. Die Kardinäle brauchen eigentlich nur noch seine Dienstag-Kolumne zu lesen und unter Berücksichtigung des ortsüblichen Vertrauens, wonach aus der "Krone" der Hl. Geist spricht, nur noch den Namen einzusetzen - schon kann das "Habemus papam" erklingen!

Leicht fiel Nenning seine Wahl nicht. Der vom Märtyrer des Austrokoffers zum apostolischen Wurzelsepp mutierte Andersseher hat schier das Unmögliche möglich gemacht. Nach diesem Papst, der so fest in mir Wurzeln geschlagen hat, sogleich an einen neuen Papst zu denken - das ist mir nicht möglich. Aber das Unmögliche ist immer das, was man trotzdem denken muss. Der neue Papst. Mein neuer Papst.

Der neue Papst - welch ein gewaltiger, origineller Gedanke! Besonders, wenn man schon weiß, wie er aussehen soll und wie er auf keinen Fall sein darf. Er soll und kann keine bloße Fortsetzung des toten, großen, riesengroßen Papstes sein, kein Abklatsch - das wäre mit der Papstwürde nicht vereinbar, und was die Papstwürde betrifft, ist Nenning ziemlich heikel: Also ein neuer, wirklich neuer Papst.

Und um die Kardinäle nicht im Ungewissen zu lassen, wie der nagelneue Papst auszusehen habe, geht er ihnen einen Schritt voraus. Indem ich an meinen alten, geliebten Papst denke - steigt in mir, in aller Ehrfurcht, inmitten der Trauer aber auch in Gewissheit einer guten Zukunft des Christentums, das Bild des neuen Papstes auf. Jetzt wird es spannend, alle mal herhören, Eminenzen! Gewünscht darf immer werden. Es gehört zu den schönen Eigenschaften eines schlagenden Herzens, dass es Wünsche hat. Und mutige Wünsche müssen hinausgehen über das, was ist. Wünsche sind immer Kontrastbilder. Sie geraten, kaum dass sie dem Herzen entsteigen, in Kontrast zum Bestehenden.

Das passiert auch in weltlichen Dingen immer wieder. So hatte einst Nennings Chef den mutigen Wunsch, Jörg Haider möge sich nicht an einer Koalition mit Schüssel beteiligen, sondern auf seine große Zeit warten. Aber Catos Herzen kaum entstiegen, geriet der Wunsch auch schon in Kontrast zum Bestehenden. Wie eben bei Nenning. Gröber gesagt: hie meine Wünsche - hie das Kardinalskollegium, das Konklave demnächst in der Sixtinischen Kapelle. Und noch kontrastreicher: Was ist das für eine Größenordnung oder Kleinheitsordnung: hie meine Wünsche - hie die Weltkirche! Aber in aller Ehrfurcht muss darauf hingewiesen werden: das Kleinformat ist auch keine Kleinheit!

Daher lässt Nenning nicht leicht locker. Welchen Papst wollen wir? Ich weiß schon, dass das kirchenrechtlich ganz anders ausschaut, und ich hab keine Neigung zu irgendwelchen pseudo-progressiven "Demokratisierungs"-Spielchen. Damit käme er nicht einmal in seinem Medienreservat sehr weit, geschweige denn im Vatikan. Vielleicht also doch ein wenig Selbstbescheidung, auch wenn er alles besser weiß? Es wird also - verkünden alle Experten und raten vielleicht doch daneben - einen Papst des Überganges geben. Er soll nur ja nicht zu jung sein, damit er nicht 26 Jahre regiert wie der große Johannes Paul II, oder womöglich noch länger, wie der große Hans Dichand I. Aber was ist ein Papst des Übergangs? Übergang von wo nach wo?

Gute Frage, und eine klare Antwort: Mein Papst ist auch ein Papst des Überganges von wo nach wo. Und um jedes Missverständnis auszuschließen: Übergang heißt für mich Öffnung, genauer: noch mehr Öffnung, als Johannes Paul II. mit Mut und Zähigkeit eingeleitet hat. Eine breite Allianz der Religionen unter dem Schirm Gottes. Aber keine falschen Hoffnungen. Das heißt nicht Verwaschenheit, Religionsbrei, von allem ein bissel was. Die Grundsatztreue Johannes Pauls II. soll bleiben.

Aber andererseits eben doch keine bloße Fortsetzung des riesengroßen Papstes, kein Abklatsch - das wäre mit der Papstwürde nicht vereinbar. Wenn jetzt die Kardinäle nicht wissen, was sie im Konklave zu tun haben, dann ist ihnen nicht mehr zu helfen. Oder soll ihnen Günther Nenning seinen Papstkoffer vielleicht eigenhändig in die Sixtinische Kapelle tragen? (DER STANDARD; Printausgabe, 9./10.4.2005)

Von Günter Traxler
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