"Man muss Lust haben an der Macht"

3. Mai 2005, 14:48
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"Kommt der Papst in den Himmel?, fragte die deutsche "taz" - Das geht nur mit angstfrei denkenden Journalisten, so Chefredakteurin Bascha Mika im STANDARD-Interview

Kommt der Papst in den Himmel?, fragte die linksalternative deutsche Tageszeitung "taz". Das geht nur mit angstfrei denkenden Journalisten, erklärte Chefredakteurin Bascha Mika dem STANDARD. Montag spricht Mika beim Journalistinnenkongress in Wien.

STANDARD: Am Tag nach dem Tod des Papstes zu fragen: "Kommt der Papst in den Himmel?" - das darf nur die "taz". Haben Sie Narrenfreiheit?

Mika: Ich war überrascht, dass wir mit dieser Kinderfrage Erfolg hatten. Unsere Interviewpartner haben sehr ernsthaft geantwortet. Es ist keine Narrenfreiheit, aber eine Freiheit des Denkens. Für solche Ideen braucht es kreative Räume. Die haben Sie nur dann, wenn Mitarbeiter angstfrei nachdenken können. In flachen Hierarchien ist das leichter.

STANDARD: Applaus kam sogar von der bürgerlichen "Welt". Lob von der falschen Seite?

Mika: Keineswegs, die Medienredakteure der Welt schätzen uns sehr. Als die taz startete, war sie absolute Außenseiterin und wollte Antijournalismus machen. Die Mitarbeiter fühlten sich mehr in einem politischen als einem journalistischen Projekt. Die journalistischen Standards haben sich im Laufe der 80er-Jahre verändert. Wenn die taz nicht so professionell geworden wäre, gäbe es uns heute nicht mehr. Auf der anderen Seite ist diese Außenseiterposition verantwortlich, dass wir das sagen dürfen, was andere sich nicht trauen. Das ist uns geblieben. Das geht so weit, dass Kollegen anrufen mit einer besonders guten Idee für einen Artikel oder einer Schlagzeile, von der sie sagen: "Ihr könnt es machen."

STANDARD: In Österreich gibt es keine einzige Chefredakteurin einer Tageszeitung. Wie viele sind es in Deutschland?

Mika: Es ist lächerlich. Bei den überregionalen Zeitungen bin ich die einzige Chefredakteurin. Von den regionalen Blättern werden drei oder vier von Frauen geleitet. Bei rund 300 Titeln am Markt. Zeitungen sind von ihrer Tradition her ein männlich geprägtes Medium geblieben. Auch was die Inhalte angeht. Politik war lange ein Bereich, für den Frauen sich angeblich nicht interessierten. Also haben Männer politische Tageszeitungen für Männer gemacht. Diese Tradition wirkt immer noch. Die damit verbundenen Hierarchien behindern ein egalitäres Geschlechterverhältnis.

STANDARD: Wie bringen Sie das Weibliche in die "taz"?

Mika: Offenbar habe ich es geschafft, die kommunikativen Anforderungen und die Zuwendung an die Mitarbeiter mit dem produktiven Weiterarbeiten an der Zeitung zu verbinden. Die hohe soziale Kompetenz innerhalb von Führungseigenschaften ist in der taz wichtiger als sonst irgendwo. Die habe ich zweifellos. Publizistisch habe ich eine Frauenoffensive ausgerufen. Wir haben mit 48 Prozent zwar den höchsten Leserinnenanteil von allen überregionalen Tageszeitungen, aber mir ist das zu wenig. Also achten wir noch mehr darauf, Themen so aufzubereiten, dass sich Frauen angesprochen fühlen, und als Interviewpartner eben nicht die üblichen Männerköpfe zu bekommen.

STANDARD: Ihr Stellvertreter Peter Unfried beschreibt Sie als "überraschend zäh". Eine Empfehlung für karrierebewusste Journalistinnen?

Mika: Sie dürfen keine Angst haben, Führungsjobs zu übernehmen. Ich erlebe das immer wieder, und anders als früher. Da haben sie gesagt: "Ich traue mir das nicht zu." Heute sagen sie: "Warum soll ich mir das antun?" Sie drücken sich. Wer im Hintergrund die Fäden ziehen will, muss sich auf diese männliche Hierarchie einlassen - mit all ihren unangenehmen Seiten. Und man muss Lust haben an der Macht. Das müssen viele Frauen erst für sich entdecken.

STANDARD: Erleben Sie persönlich Ressentiments?

Mika: Ich weiß natürlich nicht, was redaktionsintern über mich gesprochen wird. Die Männer hier haben gelernt, mit diesem Thema anders umzugehen. Außerhalb der Redaktion sind die Herren mir gegenüber viel zu höflich, um mich das spüren zu lassen. Man hat als Frau in diesem Job schon fast Vorteile. Inzwischen merken die TV-Sender, wie unangenehm das vor allem für weibliche Zuschauer ist, wenn immer nur Männer in den Runden sitzen. (DER STANDARD; Printausgabe, 9./10.4.2005)

Zur Person

Die gebürtige Polin Bascha Mika (51) ist seit gut sieben Jahren Chefredakteurin der "taz" in Berlin, die knapp 60.000 Exemplare verkauft.

Link

VP-Journalistinnen- kongress: medienfrauen.net

Die Fragen stellte Doris Priesching.

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