"Die Stromlösung kommt so nicht"

2. Mai 2005, 11:51
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Die Verhandlungen sollten bis Sommer abgeschlossen sein, in der geplanten Form werde die Stromlösung aber nicht kommen, meint Verbund-Chef Hans Haider

STANDARD: Minister Bartenstein will, dass die seit drei Jahren diskutierte Österreichische Stromlösung bis Sommer unter Dach und Fach ist, dass sich also Verbund und die in der Energie Allianz gebündelten Versorger zusammenschließen. Sie sind nun Chefverhandler. Ist der Zeitplan realistisch?

Haider: Hinsichtlich des Zeitplans bin ich mit dem Herrn Minister einer Meinung. Man muss die Verhandlungen bis Sommer zu einem Ende bringen, wie immer die Entscheidung dann ausschaut. Eines ist klar: Für den Verbund muss sich dieser Schritt auszahlen, sonst werden wir ihn nicht machen. Wenn die Synergien noch da sind, wie vor drei Jahren angedacht, werden wir es tun, sonst nicht.

STANDARD: Sie spielen auf das Einsparungspotenzial von 40 Millionen Euro an, das ursprünglich für den Verbund bei einem Zusammengehen mit der Energie Allianz errechnet worden ist und wo Sie skeptisch sind, ob sich das noch heben lässt?

Haider: Das ist die eine Sache. Andererseits ist zu berücksichtigen, was der Chef der Bundeswettbewerbsbehörde, Walter Barfuß, und Energieregulator Walter Boltz in ihrem Zwischenbericht zur Lage der Strombranche herausgefiltert haben. Es ist ein Faktum, dass der Wettbewerb in Österreich geringer geworden ist, dass sich der Wettbewerb im europäischen Strommarkt anders entwickelt hat und dass die Märkte langsamer zusammenwachsen, als das vor drei Jahren erwartet worden ist.

STANDARD: Was heißt das?

Haider: Das heißt, dass eine Stromlösung, wie sie ursprünglich angedacht war, nicht umsetzbar ist. Wenn sich die fünf größten Stromunternehmen im Osten Österreichs mit dem Verbund zusammenschließen, dann schließt das automatisch einen Wettbewerb aus. Denn ein Unternehmen macht in sich keinen Wettbewerb.

STANDARD: Haben Sie eine Idee, wie eine Stromlösung ausschauen könnte?

Haider: Ich habe Vorstellungen, die werde ich aber zuerst meinen Verhandlungspartnern unterbreiten.

STANDARD: Die Ölpreise sind hoch wie schon lange nicht, Kohle hat sich auch verteuert. Was heißt das für den Strompreis?

Haider: Die weltweite Stromproduktion erfolgt zu einem wesentlichen Teil in thermischen Kraftwerken, die mit Kohle beziehungsweise Öl und Gas befeuert werden. Man muss davon ausgehen, dass auch der Strompreis deutlich steigt. Faktum ist, dass die derzeitigen Großhandelspreise in Kontinentaleuropa bei etwa 35 Euro je Megawattstunde liegen und dass das noch immer um etwa fünf Euro weniger ist, als die Vollkosten eines modernen Gaskraftwerkes ausmachen. Wir gehen davon aus, dass sich die Großhandelspreise auf die 40-Euro-Marke je Megawattstunde hinbewegen.

STANDARD: In Österreich haben wir viel billige Wasserkraft. Trotzdem steigen auch bei uns die Strompreise. Wieso?

Haider: Wir bewegen uns bei der Energie in einem freien Markt. Das bedeutet für uns als Vorstand eines börsenotierten Unternehmens, dass wir unsere Energie zu Marktpreisen abgeben müssen. Der Marktpreis bildet sich an den internationalen Strombörsen, daran kommen wir nicht vorbei.

STANDARD: Der Verbund macht bereits mehr als 60 Prozent seines Geschäfts im Ausland. Wie hoch wird dieser Anteil noch klettern?

Haider: Das hängt davon ab, wie wir bei unseren Auslandsbemühungen vorankommen. Unser wichtigster Markt ist Deutschland, dann kommt Österreich und an dritter Stelle schon Frankreich.

STANDARD: Wie haben Sie es geschafft, in Frankreich den Fuß in die Tür zu bekommen bei den relativ günstigen Atomstrompreisen?

Haider: Die Franzosen haben im vergangenen Juli den Markt für Großkunden geöffnet, wie es die EU-Richtlinien vorsehen - nicht mehr, nicht weniger. Und weil Atomkraftwerke aus verschiedenen Gründen nicht leicht verkauft werden, hat die französische Regierung in Abstimmung mit Brüssel sich entschlossen, ein Versteigerungsmodell zu machen. Die Electricité de France, die etwa das Sechzehnfache der Verbund-Strommenge erzeugt, verkauft 20 Prozent davon auf dem Versteigerungsweg. Und wir beteiligen uns und verkaufen den Strom in Frankreich.

STANDARD: Italien ist auch ein lukrativer Markt . . .

Haider: . . . wo wir als Verbund aber nicht direkt auftreten, sondern über unser Joint Venture mit der De-Benedetti-Gruppe namens Energia, wo wir mit 38 Prozent beteiligt sind. Wir bauen in Süditalien bei Termoli ein Gaskraftwerk, das in etwa einem Jahr Strom liefern wird; weitere Kraftwerke sind in Planung. Ende 2010 werden wir in Italien über eine Produktionskapazität von rund 25 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr verfügen, fast so viel wie der Verbund derzeit in Österreich hat. Die Großhandelspreise sind in Italien mit etwa 55 Euro je Megawattstunde sehr lukrativ.

STANDARD: Die EVN hat sich an zwei Verteilunternehmen in Bulgarien beteiligt. Wäre das nicht auch etwas für Sie?

Haider: Unser Kerngeschäft ist die Stromerzeugung, nicht die Verteilung. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10.4.2005)

Zur Person

Hans Haider (62) lenkt den Verbundkonzern seit 1994, zunächst in der Funktion als Vorstandssprecher, seit April 2004 als Generaldirektor. Der gebürtige Oberösterreicher begann seine Karriere nach dem Studium der Nachrichtentechnik bei Siemens. Dort kam er 1989 in den Vorstand. Haider ist seit 2002 auch Präsident des Verbandes der europäischen Elektrizitätsunternehmen Eurelectric.

Das Gespräch führte Günther Strobl.
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    Verbund-Chef Hans Haider hält es für ein "Faktum, dass der Wettbewerb in Österreich geringer geworden ist".

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