"Vera Drake": Die Schmach einer grundgütigen Frau

7. April 2005, 18:01
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Der Brite Mike Leigh erzählt in "Vera Drake" von einer unscheinbaren Engelmacherin aus dem Volk

... und lotet dabei einmal mehr konturenreich soziale Verhältnisse aus.


Wien – Was zuallererst an dieser Frau verwundert, ist die Selbstvergessenheit, in der sie ihre Handlungen vollzieht. Fast wie von selbst erledigen sich die Dinge, ein Handgriff folgt dem nächsten, begleitet von einem leisen Summen. Schon die erste Szene im neuen Film des Briten Mike Leigh, Vera Drake, zeigt die Titelheldin bei einer alltäglichen Verrichtung: bei der Zubereitung einer Tasse Tee.

"Eine gute Tasse Tee" wird sie in der Folge noch öfters anbieten, als würde sich allein damit die Dramatik der Situation kaschieren lassen. Wenn sie später eine Kanne Wasser aufstellt, um damit eine ihrer Abtreibungen einzuleiten, denkt man unweigerlich daran zurück; auch dann wieder dieselbe stille Geschäftigkeit – eine Sache, die erledigt werden muss.

Leigh geht es in seinem Film keineswegs darum, ein Statement für oder wider Abtreibungen zu machen. Mit dieser Frage hält er sich nicht auf, denn unter welchen Bedingungen diese vollzogen werden, steht zur Diskussion. Vera Drake, nach It's a Great Big Shame! und Topsy-Turvy erst die dritte historische Arbeit Leighs, spielt in London im Jahre 1950. Bis 1967 waren in Großbritannien Abtreibungen gesetzlich unter Strafe gestellt. Leighs konzentrierter Blick auf soziale Verhältnisse – Klassenunterschiede waren damals noch um einiges deutlicher –, erlaubt ihm erzählerische Parallelisierungen, die von unauflösbaren Widersprüchen erzählen.

Kontrast der Klasse

Vera Drake fasst die Geschichte an den Wurzeln an, indem er die gesellschaftlichen Hintergründe – die Berufe der einzelnen Figuren beispielsweise – nicht aus den Augen verliert. In einem der Haushalte der Oberschicht, in denen Drake Putzarbeiten verrichtet, ist eine junge Frau nach einer Vergewaltigung schwanger geworden.

Leigh folgt ihrem Fall, um den Kontrast zu den Klientinnen Drakes zu verdeutlichen: Das Privileg Ersterer ist es nämlich, bei einem Arzt Gehör sowie eine Lösung für ihr Problem zu finden, während all die anderen Frauen heimlich in düsteren Hinterzimmern von einer Frau Besuch erhalten, die ihre archaischen "Instrumente" in einer alten Konfektschachtel aufbewahrt.

Im Mittelpunkt von Vera Drake stehen allerdings weniger Einzelschicksale als vielmehr die Frage, welche Umstände eine Engelmacherin überhaupt erst hervorbringen und was geschieht, wenn ihr Wirken auffliegt, weil es (auch) fatale Folgen zeitigt. Leigh hat Drake in Venedig, wo er den Goldenen Löwen gewonnen hat, als Heilige und Kriminelle bezeichnet, aber sein Film zeigt sie als ein altruistisches Wesen, das von seinen Handlungen kaum einen Begriff, noch nicht einmal ein ausgeprägtes Bewusstsein hat. Vera Drake agiert, weil sie sich in einem sehr allgemeinen Sinn auf der Seite des Guten meint. Ihre Rechtschaffenheit ist dennoch eine, die gegen die Gesetz verstößt.

Unklare Motivation

Zu den eindringlichsten Szenen gehören so auch jene, in denen sie von der Polizei verhaftet und verhört wird. Mehr als dass sie helfen wollte, hat sie nicht zu sagen. Die kleine Person wirkt dort nur verloren, ganz versteinert. Ismelda Staunton, die bislang vor allem als Theaterdarstellerin reüssierte, lässt uns über die Motivationen ihrer Figur im Unklaren; mit ihrem großmütterlichen Habitus, dem zerknautschten, ungemein ausdrucksstarken Gesicht verleiht sie der Figur eine Präsenz, die gerade in ihrer Unscheinbarkeit ungeheuer effektiv erscheint.

Vera Drake ist eigentlich ein kleiner Film, der mit geringem Budget auf Super-16 gedreht wurde. Wohl also auch produktionsbedingt spielt er vornehmlich in Innenräumen, deren dunkle Farbtöne und Blumenmustertapeten dem Geschehen die Statik eines klaustrophoben Kammerspiels verleihen. Kameramann Dick Pope filmt Drake zunächst als umtriebige Frau, die zwischen den Familienmitgliedern herumfuhrwerkt; erst als ihre geheime Nebentätigkeit bei der Verlobungsfeier ihrer Tochter (Alex Kelly) bekannt wird, rückt er ihr näher und isoliert sie damit aus dem familiären Verbund.

Drakes Ehe mit dem Mechaniker Stan (Phil Davis) und ihr Verhältnis zu den Kindern geraten durch die Offenbarung in Bedrängnis, denn ihre Hilfsdienste empfinden die Angehörigen als Schmach. Die Solidarität in Familien – in vielen Filmen Leighs ein zentraler Topos – scheint in diesem Fall nicht groß genug. Es fehlt die Sprache für Drakes Humanismus, der selbst keine großen Reden benötigt hat, sondern eben nur praktische Hingabe.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.4.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh

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veradrake.com
  • Artikelbild
    foto: constantin
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