Schotten rocken!

15. April 2005, 12:25
8 Postings

Idlewild und "Warnings/Promises": eine junge Band, ein grandioses, abwechslungsreiches Rockalbum

Nach einigen halbherzigen Versuchen veröffentlicht die junge, schottische Band Idlewild mit dem Album "Warnings/Promises" ein grandioses, abwechslungsreiches Rockalbum.


Auf dem europäischen Festland neigt man bezüglich Popmusik von der britischen Insel zu gewissen Unschärfen. Exakt gehörte natürlich zwischen Iren, Schotten und Engländern unterschieden, weil die Vereinfachung zu "Briten" auf Betroffene ungefähr so freundschaftsfördernd wirkt, wie wenn man Österreicher als Deutsche bezeichnen würde. Wie zur Verdeutlichung ihrer Pop-Nationalität haben nun die Schotten ihre 50 wichtigsten Bands gewählt. Auf den ersten Plätzen sind Belle & Sebastian vor Travis gelandet, dann kommt Idlewild.

Dass derlei Listenwerk natürlich Pofel ist, beweist nicht nur das Auftauchen der Kasperlrocker Bay City Rollers an prominenter achter Stelle oder das der ewigen Untoten von Nazareth etwas weiter hinten. Auch die Ignoranz der Band A House gegenüber, die mit I Am The Greatest 1992 ein Popalbum produziert hat, dem der gesamte Gitarre spielende Insel-Pop der vergangenen 15 Jahren nicht das Wasser reichen kann, spricht Bände. Auch Idlewild schafft das nicht. Wobei die fünfköpfige Mannschaft mit dem Album Warnings/ Promises nach dem etwas zu glatten Vorgänger nun ein Werk vorlegt, das den öffentlichen Zuspruch dieser Liste verständlich macht.

1995 in Edinburgh gegründet, versuchte Idlewild in einer für Rockmusik nicht ganz einfachen Zeit in die Gänge zu kommen. Während elektronische Musik boomte, wirkte Rock oft so, als wäre sämtliche Inspiration zusammen mit Kurt Cobain zu Grabe getragen worden. Der große Rest bestand aus Erbschleichern und austauschbaren Epigonen. Der Gesetzmäßigkeit jener Zeit entsprechend dauerte es etwas, bis Idlewild Tritt fassen konnte. Erschwerend wirkten turbulente Liveshows sowie der Ruf von Sänger Roddy Woomble, etwas "schwierig" zu sein.

Nach diversen stilistischen Orientierungsversuchen - unter anderem mit dem US-Produzenten Bob Weston von Shellac -, die der Band allesamt nicht die gewünschten Resultate bescherten, veröffentlichte man 2002 The Remot Part. Ausgerechnet aus diesem eher platt und glatt produzierten Album erhoben sich mit American English und You Held The World In Your Arms zwei Stücke, die zumindest auf der Insel Hits wurden.

Auf Warnings/Promises vertraut man nun einer etwas raueren Gangart und gibt sich unter dem Einfluss von Produzent Tony Hoffer (Supergrass, Beck etc.) stilistisch vielfältiger. Neben gut im Saft stehenden Rockern, die an R.E.M. zur Zeit von deren Opus Magnum Document erinnern, tauchen semiakustische Midtempostücke auf, und die Pedalsteel-Gitarre im Song Disconnected evoziert gar zurückhaltende und natürlich etwas unterkühlte Countryfantasien.

Abseits prosperierender Retrorockbands von gerade nicht mehr Teenagern demonstrieren die mit Mitte zwanzig auch noch nicht gerade in Frühpensionsgefahr befindlichen Idlewild, dass sich trotz übermächtiger Vergangenheit und trotz aller schon einmal gespielter Noten immer noch jene Magie generieren lässt, die Musik auszeichnet, die mehr sein will als eine bloße Momentaufnahme. Woombles Songwriting und ein zwischen Aggression und Teamfähigkeit angesiedelter Esprit verleihen dieser Band, was dem Gros vergleichbarer Acts gänzlich abgeht: Überzeugungskraft. Dieser verdankt man nun auch, dass man eventuell am Beginn einer Weltkarriere steht: Nachdem die fünf zuletzt bereits an der Seite von Pearl Jam die USA bespielt haben, teilt man sich nun die Bühne mit R.E.M. Wobei das künstlerisch stagnierende Unternehmen von Michael Stipe und Co aufpassen sollte, um im direkten Vergleich zu Idlewild nicht vollkommen abzustinken. Das sei - siehe Albumtitel - sowohl Warnung als auch Versprechen!
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.4.2005)

Von Karl Fluch
  • IdlewildWarnings/Promises (EMI)
    foto: emi

    Idlewild
    Warnings/Promises
    (EMI)

Share if you care.