Die Buben kommen

20. April 2005, 15:32
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Aus den Muskeln ist die Luft draußen: über das neue Männerideal in der Mode

Angeschwollener Bizeps, mächtig gewölbte Brust, stramme Beine. Und dazu ein Gesicht, das irgendwo zwischen Barbies Ken und James Dean angesiedelt ist: So sahen und sehen die Mehrzahl der männlichen Models aus, die uns aus den Hochglanzgazetten entgegenblicken. Idealkörper, so unerreichbar für den Durchschnittsmann wie ein Waschbrettbauch für einen bierbäuchigen Bayern.

Doch könnte es sein, dass das Monopol der Muskelprotze dabei ist, gebrochen zu werden? "Die schicke Silhouette ist dünn", titelte man vor zwei Jahren bereits auf der Stilseite der in Modefragen äußerst einflussreichen International Herald Tribune und bezog sich dabei auf eine Entwicklung, die sich bereits seit einigen Jahren ihren Weg bahnt. Blättert man das letzte Männerheft der britischen Modefibel I-D durch, dann scheint die Vorherrschaft der Steroid-Protze sogar schon jetzt der Vergangenheit anzugehören.

Junge Burschen mit milchigem Teint, Hüften, die sich an jener von Kylie Minogue orientieren, schlaksige Glieder, dünne Beine, kaum wahrnehmbare Brustmuskulatur. Und dazu ein Gesicht, das noch keinen erkennbaren Bartwuchs erkennen lässt. So sehen zumindest jene Models aus, die sich in die Roben der bei Modeprofessionisten besonders angesagten Labels Dior Homme oder Raf Simons zwängen, in jene von Nicolas Ghesquière für Balenciaga oder teilweise auch in jene von Martin Margiela.

No "survival of the fittest"

Angefangen hat alles mit dem Erfolg eines Mannes, der selbst ein wenig wie seine Models aussieht und der die Männermode in den vergangenen Jahren geradezu revolutionierte. Noch lange bevor Hedi Slimane für Yves Saint Laurent und dann für Dior seine schmalen und messerscharf taillierten Anzüge schneiderte, in denen für Männer ab Größe 50 Endstation ist, castete er bereits (als Modelscout) lieber dürre Punks von der Straße als aufgemotzte Fitness-Protze von der Stange. "Ich arbeite mit Jungs, die die Realität verkörpern und nicht die Klischees von Stärke, Macht und Virilität", zitierte ihn vor Kurzem I-D, und was er damit genau meint, ist am besten in Slimanes eigenen Fotoarbeiten zu sehen. In "Berlin" und zuletzt im Bildband "Stage" verewigte er ausschließlich fragile, knabenhafte Burschen, deren Körper so sind, wie jene von Models bisher nie sein durften. Während sich die Frauenkörper bis auf die Knochen abhungerten, bis der heroin chic auch die letzten Rundungen gekillt hatte, orientierte sich das Männerbild noch immer an Darwins körperlicher Überhöhung des "survival of the fittest".

Mit der Krise der traditionellen Männerrolle kam auch die Repräsentation von Männlichkeit ins Schwanken. "Der Adonis Komplex" hieß das Buch zum Thema, problematisiert wurde darin die körperliche Verwirrung des modernen Mannes, der sich im Fitnessstudio stählt, bis er aus dem Leim geht oder mit zwei Salatblättern verhungert. Aufseiten der innovativsten Modemacher provozierte das die Suche nach einer größeren "Natürlichkeit".

Die glaubt man seit alters her in der Adoleszenz zu finden. "Meine Kleider sind Medium meiner Haltung", sagt der belgische Designer Raf Simons, der neben Slimane wichtigste Protagonist des um sich greifenden Pubertäts-Trends. In diesem Jahr feiert er sein 10-jähriges Berufsjubiläum mit einer Anfang des Jahres in Paris präsentierten Kollektion, die dort anknüpft, wo er damals in Antwerpen mit seinen auf der Straße gecasteten Models anfing: "Ich arbeite mit vielen der gleichen Models seit sie 16 sind, und sie wurden zu Freunden. Jetzt sind sie erwachsen geworden und haben Jobs und bitten mich um die gleichen Jacken, die ich damals für sie machte." Natürlich sind auch die wieder genauso schmal geschnitten wie damals, auch wenn ihre Träger mittlerweile nicht mehr auf Skateboards, sondern in ihren Mittelklassewagen durch die Gegend kurven und der vergangenen Jugend zumindest noch in ihrem Outfit nachtrauern.

Amateurmodels als Reaktion

Als Simons mit seinen Amateurmodels in die Mode vorpreschte, war das noch eine Reaktion auf die Dominanz der Muskelprotze. Heute hat seine Haltung eine ganze Reihe von Mitstreitern gefunden, und mit der immer stärkeren Propagierung der Bubenkörper ist dieses Ideal auch schon gleich wieder selbst in Frage gestellt worden. Von einer "ungesunden Repräsentation von Männlichkeit" ist die Rede, von Männern, die wie Karl Lagerfeld 40 Kilo abspecken, um Slimanes Anzüge tragen zu können. Das neue Natürlichkeits-Ideal übt selbst wieder Druck auf die nervöse Männerwelt auf. Das starke Geschlecht, das sich endlich einmal etwas schwächer geben darf, kann noch lange nicht aufatmen. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/08.04.2005)

  • Die Roben von Hedi Slimane machen es vor...
    foto: der standard

    Die Roben von Hedi Slimane machen es vor...

  • ... Nicht der muskelbepackte Barbiemann ist das immer wichtiger werdende Männerideal in der Modewelt, ...
    foto: der standard

    ... Nicht der muskelbepackte Barbiemann ist das immer wichtiger werdende Männerideal in der Modewelt, ...

  • ... sondern die ranken Körper der Heranwachsenden.
    foto: der standard

    ... sondern die ranken Körper der Heranwachsenden.

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