Good bye, Rossija

20. Oktober 2005, 16:02
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KGB-geschulte Prostituierte, auf den Kreml gerichtete Fernsehkameras: Das Rossija ist zum Mythos geworden

Es war das weltweit größte und der Sowjetunion modernstes Hotel. Nach nur 38 Jahren in Betrieb soll es im kommenden Jahr abgetragen werden.

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Es war 1992. Gegen die Angst, in der Ferne verunfallt oder tot zu liegen und nicht oder nur sehr teuer nach Hause gebracht zu werden, half die Visa-Karte, die den Gratisrückflug versprach. Das wollte verdient sein, und so hatte man alle zwei Monate mit dem bargeldlosen Kärtchen einen Kauf zu tätigen. Wo dies in Moskau möglich sei, wusste auch die Bank nicht - es interessierte sie sichtlich auch nicht. Die Suche der Annahmestellen gestaltete sich schwierig.

Da half auch wenig, dass es an russischen Tipps nicht fehlte - gewiss alles vom Hörensagen. Aus dieser unzuverlässigen Quelle aber wusste jeder, wo 1992 schon mit Visa gezahlt werden konnte. Gestimmt hat es meistens nicht.

Plötzlich wiesen mehrere hörengesagte Ratschläge Richtung "Hotel Rossja". Auch dort selbst, wo viel hörengesagt wurde, meinte man zu wissen. Nein, bei ihnen nicht, hieß es im Restaurant Nummer eins. Er meine gehört zu haben, dass im Restaurant Nummer drei, meinte der Kellner. Im Restaurant Nummer drei war man mit den Vorbereitungen für eine Hochzeit beschäftigt. Von Kreditkarten hatte man noch nichts gesehen, lediglich gehört. Ähnlich auch im Restaurant sieben. Schließlich waren es mehrere Dutzend Restaurants und drei Stunden später. Im modernsten Hotel der Sowjetunion wurden 1992 keine Kreditkarten akzeptiert.

Aber wer sagt denn auch, dass das Größte gleich immer auch das Fortschrittlichste sein muss? Das Hotel war vor allem groß, eine Kategorie, die in der Sowjetunion und Russland immer schon über allem stand. Europa ein- und überholen.

Schon nicht mehr nur Europa galt es zu überrunden, sondern alsbald auch Amerika - die Sowjets flogen ins All und bauten Atomraketen. Dann bauten sie das Hotel Rossija. Und schlugen die ganze Welt. 5500 Betten, 2700 Zimmer, 13 Hektar Wohnfläche. Ein einheitlicher Komplex aus vier zwölfstöckigen Wohnblöcken und einem 21-stöckigen Hochhaus. Seit den 70er-Jahren steht es als größtes Hotel der Welt im Guinness-Buch der Rekorde.

Kaum ein Gast, der sich in den elendslangen Gängen auf der Suche nach dem Frühstücksrestaurant nicht schon verirrt hat. Die Wegweiser tragen das Ihre dazu bei; manche weisen gleichzeitig in zwei entgegengesetzte Richtungen. Stalin hatte in seiner megalomanischen Prunksucht anderes vorgehabt. Er wollte seinen sieben Wolkenkratzern eine "achte Schwester" hinzufügen und hatte schon schleifen lassen, was im Wege stand - unter anderem eine der traditionsreichsten Kirchen.

Zum Bau war er nicht mehr gekommen...

... stattdessen stellte sein kleinwüchsiger Nachfolger Nikita Chruschtschow 1967 trotzig den Betonklotz "Rossija" neben den Kreml, damit die anreisenden Delegierten der Sowjet- und Parteikongresse aus dem ganzen Riesenreich in Kreml-Nähe logieren konnten. Ein ganzes Stadtviertel musste zuvor dem Erdboden gleichgemacht werden. Nur unwillig hatte sich der Hofarchitekt, der Georgier Dmitri Tschetschulin, den Vorgaben gebeugt.

"Die Rache Tschetschulins" war das Einzige, was den Moskauern zur Hotelkonzeption einfiel. "Eine Bau-Todsünde", nennt es Alexander Kuzmin, Hofarchitekt des jetzigen Bürgermeisters Juri Luschkow. Die Moskauer hatten nie eine große Freude mit dem Klotz, westliche nostalgische Romantik haben sie nie geteilt, auch wenn sich manche für den Erhalt des Hotels stark machen. Es muss eine Erniedrigung gewesen sein, als man zu Beginn der 90er-Jahre rücksichtslos das Baltschuk Kempinski gleich vis-à-vis auf der anderen Seite des Flusses Moskva errichtete.

Eine noble Luxuskarosse gegen den alten Kasten. Der regellose Kapitalismus mit seinen schwerreichen Exponenten brauchte frische Zimmer. Die versuchte sich auch das Rossija teilweise einzurichten, der Großteil freilich wurde weder erneuert, noch mit europäischen Steckdosen ausgerüstet. Der Mangel an Hotelzimmern in der Stadt füllt auch die alten mit ihren abgesessenen Samtstühlen, den ausgebleichten und schmutzigen Vorhängen, dem leicht modrigen Geruch aus den abgetretenen Teppichen.

Dabei war das Rossija seinerzeit mit seinen Standards nicht nur das größte Hotel, sondern auch der Gipfel des Komforts, ungeachtet seiner offiziell mickrigen drei Sterne immerhin das "modernste Hotel der Sowjetunion". Für Russen unerreichbar wie Kafkas Schloss. Für westliche Gäste ein kurioser Kontrast zur kafkaesken Sowjetrealität. Zum Mythos war es alsbald geworden, bis eben die Sowjetunion zusammenbrach.

Der westliche Nachrichtenkonsument verdankt seinen "Einblick" in die Sowjetunion dem Rossija. Wann immer die Korrespondenten den sowjetischen Kreml ins Bild brachten, taten sie das von den obersten Stockwerken des Rossija aus. Abgehört und beobachtet in den flächendeckend verwanzten Korridoren und Zimmern.

Diese sah der TV-Konsument nie, nur die Silhouette des Kreml durfte ins Bild. Die Sowjetunion lebte vom Geheimnis. Um das der kapitalistischen Feinde zu lüften, bildete man hübsche Mädchen aus. Im Rossija wurden sie zum Mythos. KGB-geschulte Prostituierte liebten und horchten. Meist waren es sprachbegabte Studentinnen, denen eine große Karriere winkte.

Seit Gorbatschows Perestrojka werden die Prostituierten kaum noch vom Geheim- zum Liebesdienst geschickt. Die Marktwirtschaft ist auch in den Sex eingekehrt - im Rossija ist er angeblich billiger zu haben als in anderen Hotels. "Wünschen Sie ein Mädchen?", sorgt sich alle Stunden eine aufdringliche Stimme am Telefon.

Auch sonst hat sich das Innenleben verändert. Aus dem geheimnisumwobenen Sowjethotel ist eine Stadt in der Stadt geworden. Manche Zimmer dienen als Büro. Bars, Geschäfte, Imbissstuben und Friseurläden, Drogerien und Boutiquen zogen ins Rossija ein. Der Geruch ist ge- blieben, die wachsamen und schulmeisterlichen Etagenfrauen auch, die Security nicht weniger.

Die Eliten und Adabeis sind längst in wirkliche Luxustempel umgezogen. Ganz so selbstverständlich bekommt man auch heute noch kein Zimmer, und als Besucher, der nicht im Hotel wohnt, kommt man nur mit Tricks ins noble Restaurant im 21. Stock des Mittelturms, von wo aus sich der großartige Blick auf die Stadt und den Kreml eröffnet. Das Restaurant habe schon geschlossen, versucht der Wachmann abzuwimmeln.

Hat es natürlich nicht, und wenn man den Durchbruch schafft, wird man dort nicht gerade umworben, aber wenigstens so freundlich bedient, wie von einem Wiener Ober, der es versteht, das gesunde Desinteresse als Charme erscheinen zu lassen. Exquisite Speisen auf der Karte, von den vier angegebenen Biersorten sind angeblich aber nur mehr die zwei teuersten übrig, meint der Kellner.

Nicht nur darin gleicht man den anderen Moskauer Lokalitäten...

... auch im Brotkörberl ist man über das sowjetische Zwei-Sorten-Angebot nicht hinausgekommen. Stattdessen hat man preislich sehr wohl ins höhere Segment aufgeschlossen, dafür stört dann der Fernseher mit seinem Einheitsbrei lautstark die Konversation. "Rex", strahlt der Kellner, "das ist die beste TV-Serie", macht er in einwandfreiem Deutsch die Reverenz vor dem Österreicher. Dann schnorrt der 50-Jährige noch eine Zigarillo. Ab 70 Euro sei ein Zimmer zu kriegen. "Zentraler geht's nicht, auch nicht für mehr Geld."

Das Rossija hat ausgedient. Im kommenden Jahr soll der unansehnliche Bau ab- getragen werden. Moskaus bauverliebter Bürgermeister Juri Luschkow hat es so beschlossen, nachdem er mit dem von den tschetschenischen Brüdern Dschabrailow geführten Immobiliengiganten "Plaza", dem das Rossija de facto gehört, übereingekommen war. Luschkow wollte die "Schachtel aus Glas und Beton" im ältesten Teil der Stadt schon früher beseitigen. Weil er aber in letzter Zeit schon drei andere Hotels niedergerissen hat, erhielt das Rossija noch eine Schonfrist. Der Moskauer Immobilienmarkt zählt zu den dynamischsten. Und wieder geht es um den Sieg vor dem Rest der Welt. Eben wurde der Startschuss für den weltweit größten Wolkenkratzer von 650 Meter Höhe gegeben. Die einzige Milliardärin in Russland ist Luschkows Frau; neben anderen Segmenten kontrolliert sie den Zementmarkt.

Dass sie den Neubau an der Stelle des Rossija abwickeln wird, gilt als ausgemacht. Was anstelle des Rossija kommt? Angeblich ein "multifunktionaler Komplex": über den Tiefgaragen Shopping-malls, Bürogebäude, Vergnügungszentren und wohl auch Fünfsternehotels. Dass die Nachfolgebauten ein architektonischer Wurf werden, ist auf dem monopolisierten Planungsmarkt in Moskau so gut wie ausgeschlossen. (Der Standard/rondo/08/04/2005)

Von Eduard Steiner
Standard-Korrespondent in Moskau
  • Das Hotel Russija funktioniert wie eine Stadt in der Stadt mit restaurants, Bars, Geschäften und nach wie vor Hotelzimmern, die von strengen Etagenfrauen behütet werden.
    foto: standard/urban

    Das Hotel Russija funktioniert wie eine Stadt in der Stadt mit restaurants, Bars, Geschäften und nach wie vor Hotelzimmern, die von strengen Etagenfrauen behütet werden.

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