Reise zum Mittelpunkt der Wohnung

26. Juli 2005, 11:48
posten

Lange nach Otl Aichers "Küche zum Kochen" und noch viel länger nach Margarete Schütte-Lihotzkys "Frankfurter Küche" entwickelt sich der einstige Ort zur Essenszubereitung zur "Ikone zum Kochen"

Früher nannten wir sie Funktionsräume. Küche und Bad wurden im Grundriss der Wohnung dort angeordnet, wo man Wasser leicht heran-und verschmutzte Flüssigkeiten und Düfte wieder wegführen konnte. Heute ist das anders. Küche und Bad sind zu Orten der Aufladung geworden. In ihnen sollen wir wieder zu uns selbst finden. Da unsere Psyche und Physis verlangen gestreichelt zu werden, bedarf es dazu zahlreicher Apparaturen und Einrichtungen.

Gänzlich anders die Ausgangssituation zu Zeiten der Erfindung der modernen Küche: In den 20er-Jahren deutete sie die Wiener Architektin Margarete Schütte- Lihotzky für die Siedlungsbauten des "Neuen Frankfurt" zum funktionalen Maschinenraum um, organisierte Arbeitsvorgänge und Wege nach dem Vorbild der Fabrik effektiver. Ziel war es, den für häusliche Tätigkeiten benötigten Kraft- und Zeitaufwand radikal zu verringern und damit den Frauen die Teilnahme am Berufsleben zu ermöglichen. Die Kommunistin Schütte-Lihotzky schuf damit eine geradezu utopische Vorstellung von der Küche. Denn erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten sich Kühlschrank und Waschmaschine, später auch E-Herd, Spülmaschine und Mikrowelle zu selbstverständlichen Standardgerätschaften.

In den Maschinenraum zogen erstmals die Maschinen ein. Während Schütte-Lihotzky ihre Küchenmöbel als Teil der Architektur begriff und für den konkreten Einsatzort plante, bis zum ökonomisch sinnvollen Verzicht auf Rückwände, begann nun die Modularisierung der Küchenkomponenten. Ein einheitliches Rastermaß erlaubte die Kombination verschiedener Programme und den Austausch von veralteten Komponenten. Die Küche ließ sich nun individuell planen und bei Bedarf umgestalten, öffnete sich den Moden - von den rundlichen Formen und Bonbonfarben der Fünfziger- hin zu den kühlen Hochglanzfronten der Siebzigerjahre.

Die kommunikative Wohnküche

Die neue Wohnform der nicht familiären Wohngemeinschaft entdeckte die unpraktische, aber kommunikative Wohnküche wieder. Anfang der Achtzigerjahre propagierte Designer Otl Aicher die "Küche zum Kochen". Arbeitsflächen wurden nun von den Wänden weggerückt und mitten im Raum platziert. Nicht mehr die knapp bemessene Schiffskombüse oder die Küche des Zugrestaurants dient als Vorbild, sondern die Küche des Profikochs mit seiner von Edelstahl geprägten Arbeitsumgebung. Aicher fusionierte sie mit den kommunikativen Errungenschaften der Wohnküche. Kochen wird zum Ereignis, das gemeinsam mit Freunden zelebriert wird. Zu diesem Zeitpunkt entsteht aber auch - ganz entgegen Aichers Intentionen - die Küche als Statusobjekt.

Wer heute eine Luxuslimousine sein Eigen nennt, kann leicht die gleiche Summe für die Ausgestaltung der Küche ausgeben, die er in den fahrbaren Untersatz investiert hat. An die Stelle der Küche zum Kochen tritt die "Ikone zum Kochen", der man ihren Zweck nicht mehr ansieht. Der Look überbreiter Küchenschubladen ist wichtiger als ihre Funktion. Die Küche kann aber auch Teil anspruchsvoller Innenarchitektur werden wie beim kompakten Küchenblock des deutschen Küchendesigners Norbert Wangen, der mitten im Wohnraum steht. Unter einer großen, seitlich zum Tisch ausziehbaren Arbeitsfläche verschwinden hier sämtliche Gerätschaften vom Spülbecken bis zum Kochfeld. Im geschlossenen Zustand des flächenbündig gearbeiteten Objekts deutet nur wenig auf seine Funktion. Wangens Firma gehört heute zum italienischen Tophersteller Boffi.

Verbesserte Absaugtechnik

Durch die verbesserte Absaugtechnik direkt an der Kochmulde können sich die Küchen in den übrigen Wohnraum öffnen und nehmen zugleich zusätzliche Funktionen auf. So stellten Poggenpohl und Bang & Olufsen auf der Messe Wohnen &Interieur in Wien gemeinsam ihre Produkte vor. Edle HiFi-und Fernsehtechnik und Küchendesign verschmelzen. Auch beim österreichischen Hersteller Ewe, der Multimedia-Komponenten für seine Küchen anbietet. Noch sind viele Elemente des vernetzten "Smart Home", bei dem der Kühlschrank per Internet eigenständig Bestellungen an den Supermarkt aufgibt, eher eine Karikatur als ein realistisches Produkt, aber sie deuten eine neue Richtung an: Die Küche wandelt sich vom Maschinen- zum Kommandoraum, zur Steuerzentrale des Wohnens und Lebens. Die Technisierung der Küche dient nicht mehr der Arbeitserleichterung, sondern der Gefühlsveränderung. Etwa durch stimmungsaufhellendes Licht, das die neue, vom Designer Jorge Pardo gestaltete Küche "Plusmodo" von Poggenpohl ausstrahlt. Ihre gläsernen Regalböden, eine Mischung aus Offen- und Verschlossenheit, dienen primär der Inszenierung. Wehe dem, der nicht nur wohlgestaltete Kochutensilien in seiner Küche verstaut!

Praktische Glastrennwand

Ähnlichen Zielen dient "Largo-LG" von Leicht, eine Glastrennwand zwischen Ober- und Unterschränken, die wie die große Fensterfront in einer Shoppingmall in einzelne Elemente geteilt ist, die um 90 Grad gedreht und seitlich geparkt werden können. Neue Zubereitungsmethoden, neue Apparate. So präsentierten auf der diesjährigen "Cuisinale", der Küchenmesse, die alle zwei Jahre parallel zur Kölner Möbelmesse stattfindet, viele Hersteller von AEG bis Gaggenau "Teppan Yaki"-Kochstellen. Gekocht oder gegrillt wird bei dieser - aus Japan importierten Methode - mit exakt eingestellter Gartemperatur auf einer flachen, leicht zu reinigenden, hartverchromten Metallfläche. Vorteile: weit gehend fettfreie Zubereitung und kurze Garzeiten. Wem die Glattflächigkeit und der kühle metallische Glanz der meisten Nobelküchen zu kalt wirkt, der kann sich bei der ewedition 07 von Coop Himmelb(l)au auch für stark gemusterte Fronten aus Kernholzfurnier oder für die Mosaik-Arbeitsplatten von Siematic entscheiden. Die Zahl möglicher Varianten beim gleichen Produkt steigt gewaltig. So bieten die erfolgreichen Hersteller heute statt industrieller Massenfertigung individualisierte Manufakturware. Die Küche wird zum Experimentierlabor moderner Produktionsweisen. (Thomas Edelmann/Der Standard/rondo/08/04/2005)

  • Teppan Yaki von AEG Electrolux
    foto: hersteller

    Teppan Yaki von AEG Electrolux

  • "Mosaic Design" von SieMatic
    foto: hersteller

    "Mosaic Design" von SieMatic

Share if you care.