Nomaden im Dekorausch

26. Juli 2005, 11:48
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Der Minimalismus der Neunziger war einmal, jetzt setzt man auf Repräsentation und Tradition, sagt eine aktuelle Trendstudie über die Zukunft des Wohnens

Ist es ein verzweifeltes Lebenszeichen vor dem endgültigen Niedergang? Ein allerletztes Aufbäumen? Während sich das traditionelle Bürgertum in einem umfassenden Strukturwandel befindet und sich rund um eine neue Mitte wiederfindet, feiern seine Insignien fröhliche Urstände. Säulenportale veredeln Einfamilienhäuser, Brokat die Roben mittelständischer Hausfrauen, dunkle, schwere Farben verleihen Erdenschwere. Repräsentation ist wieder angesagt, und das, obwohl der wirtschaftliche Druck auf die Konsumenten immer drückender wird - oder gerade deswegen.

"Neo-Barock" und "Neo-Biedermeier"

"Neo-Barock" und "Neo-Biedermeier" sind nur zwei der aktuellen Designtrends, die auf die Imitation der Welt von gestern setzen, auf den Charme der Perfect-Past-Erinnerungen, auf den Halt, den alte Werte vermitteln. Einen "Drang zum Eskapismus" haben die Autoren des Hamburger Trendbüro das genannt, die für den Design-Verbund "stilwerk" gerade eine Studie über das Wohn-Interieur und -Setting der Zukunft vorgelegt haben.

Vor zwei Jahren waren es noch flexible Raumnutzungen und der Hang zu einfachen Lösungen, die zusammengefasst unter den Stichworten "Optionismus" und "Simplicity" die Design-Herausforderungen an den von Richard Sennet so genannten "flexiblen Menschen" verdeutlichten. Mittlerweile - behauptet Peter Wippermann, zuständig für das Konzept der Studie - hat sich ein Rückzug ins Private angebahnt. Dort aber geht es hoch her: Wie Ego-Prothesen stehen pompöse Möbel in opulenten Wohnungen, bei ligne roset bietet man etwa majestätische Hängeleuchten an, Kartell setzt mit der Lampe "Bourgie" aufs traditionelle Äußere.

Mit dem Boom an "Manieren"-Fibeln und dem Kunst-Revival des Barock hatte sich dieser Blick zurück bereits in anderen Bereichen angekündigt, im Design setzt man ihm derzeit mit einer regelrechten Feier des Dekorativen und Lieblichen die Krone auf. "Biedermeier-Glam" nennt das Trendbüro das Wiederaufkommen der Salonkultur und die neue Wertschätzung für die Handarbeit. Eine Art verklärter Glanz, der auf schimmernde Bezugsstoffe oder Lack- und Kristallapplikationen setzt und der sich etwa im Hotelbereich in der Konjunktur an Boutique-Hotels niederschlägt.

Radikale Abkehr vom Stil-Minimalismus

Diese Abkehr von den puristischen Neunzigerjahren und ihrem Stil-Minimalismus könnte kaum radikaler ausfallen. Geht es nach Peter Wippermann, wird er allerdings durch eine allgemeine Annäherung der Epochen gedämpft - Epochen, die einen Grundgedanken gemeinsam haben.

Der Möbelhersteller Vitra hat es mit der gerade auf den Markt gekommenen Vitra-Home-Kollektion vorgemacht: Die Designströmungen werden bunt gemischt, neben dem Stuhl aus der Klassischen Moderne steht das rationalistische Mobiliar der Ulmer Schule, hängt die orange Sciencefiction-Design-Lampe aus den 70er-Jahren. Hauptsache "modernes Design", könnte man sagen, sprich: Design, dessen Ziel es war, die Gesellschaft durch neue Formen zu verbessern.

Der ungetrübte Zugriff auf die Zukunft scheint derzeit verbaut, über den Umweg in die Vergangenheit nimmt man sie allerdings trotzdem in Angriff. (hil/Der Standard/rondo/08/04/2005)

  • Die Vergangenheit boomt, die Epochen rücken zusammen. Wild mischt man die Designströmungen der Moderne, hier vorgeführt von der Vita-Home-Kollektion.
    foto: vitra

    Die Vergangenheit boomt, die Epochen rücken zusammen. Wild mischt man die Designströmungen der Moderne, hier vorgeführt von der Vita-Home-Kollektion.

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