Ehrengräber überprüft: Streit um die "Ehre" vor dem "Grab"

6. April 2005, 21:13
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76 Ehrengräber aus der NS-Zeit am Wiener Zentralfriedhof überprüft - bei acht Gräbern empfiehlt Kommission die Aberkennung

76 Ehrengräber aus der NS-Zeit am Wiener Zentralfriedhof hat eine Kommission überprüft: Bei acht empfiehlt Wiens Restitutionsbeauftragter Kurt Scholz die Aberkennung - 37 jüdische Persönlichkeiten sollen hingegen geehrt werden. Der Fall Wagner-Jauregg wurde vorerst vertagt.
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Wien - 530 Seiten dick ist der Gesamtbericht der Kommission des Restitutionsbeauftragten der Bundeshauptstadt, Kurt Scholz, über die Ehrengräber am Wiener Zentralfriedhof. Der Forschungsauftrag: die in der Zeit des Nationalsozialismus verliehenen Ehrengräber zu überprüfen.

Seit Dezember, so Scholz im Gespräch mit dem STANDARD, liegt der Bericht vor, auch Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny habe ihn damals erhalten - was jedoch dessen Büro noch Anfang der Woche vehement bestritten hat.

Wenig Ehre

Insgesamt 76 Ehrengräber aus der NS-Zeit hat sich die Kommission angesehen. Bei 66 von diesen - darunter etwa jenes vom Architekten Otto Wagner - habe man "nichts gefunden, was an ihrem Leben als besonders unehrenhaft empfunden werden könnte", erklärt Scholz. Daher gebe es aus heutiger Sicht keinen Grund, diese Ehrengräber abzuerkennen.

Bei acht weiteren verhält es sich aber anders: "Da haben wir nach unserer Untersuchung gesagt: Grab ja, aber das ,Ehren-' davor können wir nicht empfehlen." Unter diese Gruppe fällt auch das Grab eines NSDAP-Kreisleiters.

Zwei heikle Fälle

Heikel wird es in den letzten beiden Fällen: jenem der Fußballlegende Matthias Sindelar und des Mediziners Julius Wagner-Jauregg. Nur bei ersterem ist die Kommission zu einem Urteil gekommen: Das Ehrengrab darf bleiben - denn, so Scholz: "Wir halten das aufgrund seiner Verdienste um den Sport und seiner zumindest reservierten Haltung dem Nationalsozialismus gegenüber für statthaft." Sindelars Ehrengrab war ins Visier gekommen, als bekannt wurde, dass der Fußballer ein bereits arisiertes Kaffeehaus erworben hatte. Scholz hält fest: "Sindelar hat davon natürlich profitiert.

Fall Wagner-Jauregg

Weitaus komplexer scheint der Fall Wagner-Jauregg. Die Rolle des Psychiaters und Nobelpreisträgers Julius Wagner-Jauregg (1857-1940) in der NS-Zeit hatte im Vorjahr für heftige Diskussionen gesorgt. Scholz dazu: "Wir haben eine äußerst genaue Recherche gemacht, aber es gibt noch derart viel Handschriftliches von ihm, das noch nicht publiziert wurde, dass uns noch die Grundlagen für ein Gesamtbild fehlen." Daher kommt der Bericht zum Schluss: Die Stadt wird ersucht, dem Wiener Institut der Geschichte der Medizin einen Forschungsauftrag zu erteilen. Bis dahin soll es "Friedhofspflege in allgemeiner Form geben".

Vergabe von Ehrengräbern

Eines wollte die Kommission bei der Forschungsarbeit vermeiden, sagt Scholz: "Wir wollten nicht die Rolle der Richter des Totenreiches spielen." Es seien daher Vorschläge gemacht worden, die "schon auch ein bisserl in die Gegenwart und sogar in die Zukunft reichen."

So wird die Vergabe von Ehrengräbern für 37 jüdische Persönlichkeiten - "Wissenschafter, Künstler, Philanthropen und Wohltäter" (Scholz) - empfohlen. Diese Personen hätten sich um Wien verdient gemacht, erklärt Scholz. Und es gehe auch darum, ein Zeichen zu setzen, dass "das österreichweite Problem der Erhaltung jüdischer Friedhöfe im Gedenkjahr 2005 ungelöst ist".

Vergessene Gräbergruppe

Außerdem soll einer bislang vergessenen Gräbergruppe der Ehrengrabstatus zu erkannt und dort ein Denkmal errichtet werden, sagt der Restitutionsbeauftragte: "In der Gruppe 40 wurden jene verscharrt, die zwischen 1938 und 1945 im Landesgericht ermordet wurden, weil sie Widerstandskämpfer waren."

Den Fall des NS-Fliegers Walter Nowotny, der die ganze geschichtliche Aufarbeitung spät aber doch ins Rollen gebracht hat, musste die Kommission unter Scholz nicht mehr untersuchen: Nowotnys Ehrengrab wurde durch den Wiener Gemeinderat bereits 2003 aberkannt. (Peter Mayr, DER STANDARD Printausgabe 7.4.2005)

  • Artikelbild
    foto: rottenberg
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