Wien darf ruhig Krems werden

6. April 2005, 19:47
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Laptop-Alarm: Noise und Avantgarde in NÖ

Wien/Krems - Während man im sozialdemokratischen Wien für viel verbranntes Geld derzeit weitere Theater für die Abspielung von Musicals adaptiert und überhaupt einem Kulturbegriff nachhängt, der schon länger nicht mehr ganz frisch wirkt, findet die so genannte Moderne derzeit wieder einmal woanders statt. Ausgerechnet an den so genannten geografischen Rändern der auf Wien zentrierten medialen Aufmerksamkeit geschieht demnächst in den letzten Nachwehen von auch nicht gerade in Wien etablierten Festivals wie steirischer herbst oder Ars Electronica tatsächlich bis dato in diesem Umfeld Unerhörtes.

Das am 21. April in Krems startende und in Folge bis 8. Mai auch in der Klosterneuburger Werft über die Bühne gehende Donaufestival setzt dabei unter (ausgerechnet?) schwarzer niederösterreichischer Schirm- und Finanzherrschaft bemerkenswerte Akzente. Immerhin liest sich das Antrittsprogramm des neuen Intendanten Thomas Zierhofer-Kin, der zuvor etwa gemeinsam mit dem Pianisten Markus Hinterhäuser das international viel beachtete sommerliche Salzburger Zeitfluss-Festival leitete, nicht nur wie der Versuch, endlich wieder auch tatsächliche Moderne im größeren Rahmen auf die Bühne zu bringen.

Der vorläufig für vier Jahre verpflichtete Zierhofer-Kin hat abseits eines im Festivalsinn normalerweise gefragten Restinteresses für erwartbare neuere Formen des interaktiven Theaters als Multimedia-Spektakel (siehe nebenstehenden Artikel) in seinem Antrittsjahr gerade auch musikalisch ein - sagen wir es gelassen - geradezu sensationelles Programm zusammengestellt. Er will damit auch angesichts des Internet-Zeitalters und seiner Informationsmöglichkeiten endlich längst überflüssige Teilungen zwischen "Metropole" und "Provinz" aufheben.

Immerhin ist es in diesem Zusammenhang für Interessierte ab demnächst nicht mehr erforderlich, lange nach dahingegangenen Wiener Festivals wie Töne/Gegentöne oder phono.taktik die Landflucht anzutreten, so man sich nicht mit abgelebten Helden der musikalischen Avantgarde zu Hause im Gemeindesaal um die Ecke zufrieden geben will. Das heurige Donaufestival setzt, trotz aller Sorge um etwa ausbleibende Besucher, auf nichts weniger als die Speerspitze derzeitigen Musikschaffens - an der Schnittstelle von elektronischer Avantgarde und Clubkultur. Und welche Programme können das gegenwärtig in Österreich schon von sich behaupten?

Neben Zeitkratzer, dem vielleicht mutigsten aller zeitgenössischen E-Musikensembles, das neben John Cage auch Metal Machine Music von Lou Reed oder den japanischen Extremisten Merzbow im Gepäck hat, finden jetzt etwa auch Auftritte von Industrial-Rock-Mitbegründer JG Thirlwell oder den US-Laptop-Tragöden Xiu Xiu statt. Einer vom politischen Linksaktivisten und US-HipHop-Poeten Saul Williams gestalteten Nacht folgen sperriger Noise-Hop von Dälek aus New Jersey, die New Yorker Free-Rocker Liars, die legendäre Riot-Grrrls-Band Sleater-Kinney oder Minimal-Techno-Pioniere wie Pan Sonic und der Berliner Extrem-Techno-Rocker Alec Empire. Und: Es konzertieren auch heimische Größen. I-Wolf, Radian, Naked Lunch. Tolle Sache!
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.4.2005)

Von
Christian Schachinger
  • US-Poet Saul Williams live in Krems.
    foto: donaufestival

    US-Poet Saul Williams live in Krems.

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