Intellektuelle Music Hall

22. April 2005, 17:08
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Das neue NÖ "Donaufestival" wirbt mit jugendkulturellen Erlebnisparkzonen

Das neue NÖ Donaufestival hat mehr Pop als das alte. Sein wagemutiger Intendant versammelt zur Zeit Exponenten einer spartensprengenden Performancekultur. Showcase Beat Le Mot sind nur ein Beispiel.

Krems/Korneuburg – Theorie-Performer, Diskurs-Popper, Konzeptkunst-Rocker – Thomas Zierhofer-Kin, mit diesjähriger Saison erstmals künstlerisch verantwortlich für das Niederösterreichische Donaufestival, erträumt sich mit seiner ersten Programmierung gleich eine "intellektuelle Music Hall" im Sinne Antonin Artauds. Für plurimediale Darstellungskunst, für die Integration von Intellekt und Unterhaltung stehen an drei geballten Wochenenden hier bisher kaum bis nie zu sehen gewesene Performancegruppen wie Nico and the Navigators, Gob Squad und Showcase Beat Le Mot.

Letztgenannte Gruppe entstammt – wie Renée Pollesch oder She She Pop – dem renommierten Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft und vermittelt namentlich die Bitte "Bühnenakt, schlag das Wort". Seit 1997 versucht die Hamburger Theaterboygroup, ihr Publikum auf jeweils ganz spezielle Weise über das im Theater zunehmende Fehlen eines aristotelischen Fünfakters hinwegzutrösten. Eine ihrer ersten und symptomatischsten Produktionen, Radar, Radar, nichts ist egal (1998), war etwa Entspannungstheater pur:

Das Publikum durfte auf Sofas lungern, tratschen, trinken, rauchen, lesen und sich küssen, während die Performer performten. Und sich in den Pausen von den Kochkünsten der Theatermacher überzeugen.

Ähnlich extraordinär darf man sich die darauf folgenden Arbeiten denken. Für Grand Slam (1999) wurde ein Tennisplatz in Originalgröße aufgerollt, in Showcase Super Aspirin wurden Zuseher im Bentley durch die Stadt chauffiert, am Beifahrersitz oder im Kofferraum (!). Dem demokratischen Prinzip der Truppe folgend wurde man freundlicherweise gefragt, ob man "Teil der Lösung oder Teil des Problems" sein möchte.

Unter der mächtigen, auch kritisch diskutierten Oberfläche der Performances versuchen die vier Männer (Thorsten Eibeler, Nikola Duric, Dariusz Kostyra, Veit Sprenger) einer überquellenden Gedanken- und Warenwelt Herr zu werden. Clubkultur und Wissenschaft gehen eine Verbindung ein. Iggy Pop+Boris Groys=Theorieparty.


Hinrichtungsbus

Mit einer neuen Arbeit gastiert Showcase Beat Le Mot von 4. bis 7. Mai in der Korneuburger Werft. alarm Hamburg Shanghai errichtet in Form einer Stationen-Performance einen "Freizeitpark der chinesischen Weltordnung", u. a. mit einer Kulturrevolutions- und Propagandabühne, einer Guerilla-Kriegsmaschine, einer Energie-Ecke (Zuschauer radeln für Schanghai-Strom), einem Hinrichtungsbus, einem konfuzianischen Gelehrtenthron und natürlich einem Platz des himmlischen Friedens.

"Wir sind von Jugend- und Clubkultur weg und hin zu politischen Themen gegangen", so Nikola Duric: "Wenn man es mit Musikvokabeln erläutern möchte, so haben wir am Anfang Theatersamples fabriziert. Aber wenn man länger dabei ist, dann wendet man sich wie jetzt in der Elektronikmusik immer mehr vom Zitatapparat weg und sagt, so wie Matthew Herbert zum Beispiel: Nein, ich spiel jetzt die Sachen selber ein. Wir sind auch an so einem Punkt angelangt, wir wollen das Wohltemperierte Klavier neu temperieren."

Den jugendlichen Bandcharme hat man also abgelegt und sitzt nun versonnen vorm Lemongrasstee-Glas, Antonio Negris/Michael Hardts Globalisierungsstandardwerk Empire rekapitulierend: Politperformance statt Poptheater. Nachdem sich die "Band" in den letzten Jahren in Form von Bühnenadaptionen japanischer Anime erstmals mit fernöstlicher Kultur befasst hat, ist alarm Hamburg Shanghai jetzt die Konsequenz. Aber auch, weil man den neuen Themen (Ferner Osten) nicht hinten nach sein will:


Kapitalismus, geregelt

"Alle stürzen sich auf China als noch wachsenden Markt, als staatlich geregelten Kapitalismus", sagt Duric. "In den letzten Jahrzehnten konnte man Systemen nur beim Zerfall zusehen, diesem kann man beim Entstehen zusehen. Man kann aber als Individuum nicht mehr politisch aktiv werden. Das würde ich auch Christoph Schlingensiefs Arbeit vorwerfen. Es geht wieder um Bewegungen."

Eibeler: "Und wir fragen uns in alarm Shanghai auch: Ist ein politisches Theater heute überhaupt noch möglich? Welche Bilder hat Erwin Piscator gefunden, welche kann man heute finden?"
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.4.2005)

Von
Margarete Affenzeller

Service

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Link

donaufestival.at

  • Schieben nichts auf die lange Bank: Thorsten Eibeler (li.) und Nikola Duric sind (mit Dariusz Kostyra und Veit Sprenger) aktiv als Performancegruppe Showcase Beat Le Mot.
    foto: standard/ corn

    Schieben nichts auf die lange Bank: Thorsten Eibeler (li.) und Nikola Duric sind (mit Dariusz Kostyra und Veit Sprenger) aktiv als Performancegruppe Showcase Beat Le Mot.

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