"Kinder fühlen sich oft sehr schuldig"

24. Oktober 2006, 13:59
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Unter Obsorge- und Besuchsrechtsstreitigkeiten der Eltern leiden vor allem die Kinder - Ein unabhängiger Beistand vor Gericht soll jetzt helfen, ihre Interessen zu vertreten

"Der 'Fall Christian' ist sehr schlimm gelaufen", erinnert sich Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits. Damals hätte sich gezeigt, dass die wahren Verlierer in Sorgerechtsstreitigkeiten die beteiligten Kinder seien. Immer mehr Kinder und Jugendliche sind in schwierige Scheidungsfälle verwickelt, in denen ihr Schutz oft zu kurz komme, beklagt die Jugendanwältin. Rund 22.000 "Scheidungskinder" gibt es jährlich in Österreich.

Eine Lösung für das Problem ist jetzt in Sicht: In einem Pilotprojekt werden ab September an voraussichtlich fünf österreichischen Bezirksgerichten psychosozial geschulte Personen die Prozessbetreuung für Minderjährige übernehmen. "Eine eigenständige Interessensvertretung in Obsorge- und Besuchsrechtsstreitigkeiten wird dabei helfen, die Interessen der Jugendlichen besser zu vertreten", ist Jugendanwältin Pinterits überzeugt.

Konflikte mit den Eltern

Noch unter Justizminister Böhmdorfer wurde eine ExpertInnengruppe einberufen, die sich mit dem Problem befasste. Die rechtliche Grundlage musste nicht erst geschaffen werden: §271 ABGB sieht in Fällen von Interessenskonflikten die Bestellung einen Kollisionskurators vor. In Deutschland besteht die Einrichtung bereits, allerdings arbeiten die dortigen Verfahrenspfleger fürs Gericht. "Wir wollen, dass die Betreuer nicht dem Gericht verpflichtet sind, sondern nur dem Wohl der KInder", betont Pinterits. Als BetreuerInnen in Frage kommen Therapeutinnen, SozialarbeiterInnen und PsychologInnen, die zusätzlich in pädagogischen und juristischen Grundlagen geschult werden sollen.

Konzept wird erarbeitet

Wer genau die Betreuung übernimmt und in welchen Fällen diese angeboten wird, steht noch nicht fest. Momentan wird gerade ein genauer Kriterienkatalog erarbeitet. Wichtig sei, so Pinterits, dass Kinder nicht erst in hochstrittigen Fällen einen Kinderbeistand erhalten, sondern bereits bei sich abzeichnenden Konflikten zwischen den Eltern. "Eltern können in dieser Zeit nicht im Interesse der Kinder sprechen, da stecken zu viele Emotionen dahinter". Dazu komme eine starke Unsicherheit der Jugendlichen, die in einen Scheidungs- oder Obsorgestreit verwickelt werden: "Die Kinder fühlen sich oft sehr schuldig", weiß Pinterits.

Begleitung und Unterstützung

Die Kernaufgabe sieht die Jugendanwältin in der Begleitung und psychosozialen Unterstützung der Kinder mit dem Ziel, ihre Stimme im Verfahren zu stärken. Diese Argumente liegen auch Karin Hammanseder, die als ausgebildete Mediatorin im Familienbereich arbeitet, am Herzen. "Das Schlimmsts, was in einer solchen Situation passieren kann, ist, dass die Eltern ihre Kinder als Druckmittel im Verfahren einsetzen", berichtet sie aus ihrer Praxis. "Erpressungen" unter Androhung von Sorgerechtsentzug würden auch oft in Anwesenheit der Kinder passieren, erzählt sie. "Da hört dann ein Jugendlicher, wie sich seine Erziehungsberechtigten Schimpfworte an den Kopf werfen und vielleicht sogar drohen, dem anderen Elternteil das Kind nicht mehr zu 'geben'".

Mediation helfe dabei, die Konflikte auf einer für alle Beteiligten fairen Ebene zu halten. Das Pilotprojekt gehe in eine richtige Richtung, so Hammanseder. Sie stimme der Jugendanwältin Pinterits uneingeschränkt zu, die meint: "Mein Wunschtraum ist: Weg vom Gericht. Gerade wenn Jugendliche involviert sind, sollte man mehr auf außergerichtliche Einigungen und Mediation setzen".

Von Anita Zielina
  • Jugendanwältin Pinterits: "Mein Wunschtraum: Weg vom Gericht"
    foto: standard.at/zielina

    Jugendanwältin Pinterits: "Mein Wunschtraum: Weg vom Gericht"

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