
Bellow kreierte den stark intellektbetonten Heldentyp
Auf die Frage "Was ist der Mensch?" hätten "die Autoren der jüngeren Vergangenheit keine befriedigende Antwort gefunden", schrieb Saul Bellow 1963 in Notaten zur amerikanischen Literatur. Es war, aus heutiger Sicht, gleichsam die Halbzeitbilanz eines Lebens und Schaffens, das sich ganz und gar in den Dienst dieser Frage gestellt hatte.
Der 1915 geborene Sohn einer jüdischen Emigranten-Familie aus St. Petersburg, unter ärmlichsten Verhältnissen zuerst in Montreal und dann seiner "Heimatstadt" Chicago aufgewachsen, scheint früh sehr bewusst einen Schatz von Familienerinnerungen gehortet zu haben, in dem Fragen der Entfremdung, der Kluft zwischen neuer und alter Welt, der ganz alltäglichen Höhen und Tiefen menschlicher Existenz in unzähligen Anekdoten versammelt waren. Es ist durchaus konsequent, dass Bellow Soziologie und Anthropologie studierte, bevor er sich vom Entschluss, Schriftsteller zu werden, nicht mehr abbringen ließ.
Wenn man Die Abenteuer des Augie March liest, Bellows ersten großen Romanerfolg aus dem Jahr 1953, in dem ein junger Liebes- und Lebenskünstler durch die irre gewordene Welt der Großen Depression und dann des Großen Krieges geschleudert wird, dann kann man schon deutlich ermessen, was das Schreiben für Bellow bedeutete: "Du hast die Augen aufgemacht, und da war eine Welt, sehr sonderbar. Du hast sie auf deine Weise gesehen. Nicht wie andere - das ist der Ursprung meines Schriftstellertums", sollte er kurz vor seinem Tod einmal sagen.
Wenn dann in den frühen Romanen europäische Vorbilder wie Dostojewski und Kafka stilprägend wirken, bevor Bellow mit Augie March, dem nicht minder pikaresken Regenkönig (1959) und schließlich vor allem mit Herzog (1964) zu einer eigenen Sprache findet - dann lässt sich gut erkennen, wie sehr der Künstler den großen Tumult des 20. Jahrhunderts zwar als gewaltige Abfolge von Störsignalen empfand, in der sich der Mensch und damit die Literatur den Menschen aus den Augen verlor. Gleichzeitig balancierte Bellow immer souveräner an jenem Abgrund, der sich zwischen der Welt und der eigenen Weltsicht auftut.
In Herzog etwa verstrickt sich der Titelheld, Moses Herzog, ein konfuser Universitätsprofessor immer mehr in ein chaotisches Beziehungsleben, fast schon Bernhard'schen philosophischen Notaten - eine tragikomische Verzweiflung. "Du bist nicht besser als andere Süchtige - du krankst an deinen Abstraktionen. Zum Teufel mit Hegel und diesem beschissenen alten Haus." - Fast wähnt man sich, wenn auch nicht in vergleichbarer stilistischer Radikalität, in einem Monumentalmonolog von William Gaddis.
Irrer Nachlass
Ähnlich prekär und durchaus vorbildlich für Autoren wie Philip Roth verhalten sich die Lesarten von Welt und Schrift in Bellows vielleicht berühmtestem Roman Humboldts Vermächtnis (1975) zueinander: Man könnte förmlich irre werden am Nachlass des möglicherweise genialen Dichters Von Humboldt Fleischer, der vielleicht ein angepasstes Leben zur Außenseiter-Existenz hochstilisierte.
1976 erhielt Saul Bellow den Nobelpreis. In seiner Dankesrede erzählte er, auf der Uni mit einiger Freude bevorzugt "das Falsche" studiert zu haben: "Statt mich zum Beispiel im Thema ,Geld und Banken' zu verlieren, las ich die Bücher von Joseph Conrad. Ich hab's nie bereut."
Es ist zu hoffen, dass nicht nur heutige Studenten im Rahmen solcher "Seitensprünge" das Werk von Saul Bellow wieder zur Kenntnis nehmen. Auch unter den Kurzgeschichten und Novellen in seinem Spätwerk - zuletzt erschien noch die Erzählung Ravelstein - gab er vielleicht keine Antwort auf seine Lebensfrage: "Was ist der Mensch?" Aber er stellte sie mit ungebrochener Neugier und beträchtlichem Witz. Am Dienstag ist Saul Bellow in seinem Haus in Brookline/Massachusetts gestorben.
"Lettre": Ein letztes Gespräch mit Saul Bellow
Bevor ich gehe ... So kündigt "Europas Kulturzeitung" Lettre am Cover ihrer jüngsten Ausgabe (Lettre International, 68/Frühjahr 2005) ein Gespräch an, das der rumänische Schriftsteller Norman Manea mit Saul Bellow führte - im Dezember 1999. Bellow erzählt dabei nicht nur Erhellendes über seinen jüdischen Hintergrund, das bestialische 20. Jahrhundert und über literarischen Vorbilder wie Kafka. Er begibt sich auch auf einen durchaus skeptischen Streifzug durch sein Werk.
Herzog zum Beispiel, so Bellow, "lese ich nicht mehr. Ich habe einen gewissen Unwillen gegenüber dem Buch. Vielleicht deshalb, weil ich darin in starkem Maße der Selbstkritik ausgesetzt bin, denn es ist ja nicht so, dass ich ein zärtliches Verhältnis zu mir habe. Nichts tue ich lieber, als mir selber an den Karren zu fahren ..."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.4.2005)
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Interview-Ausschnitte mit Bellow aus dem "Lettre" unter
http://feuerqualle.blogg.de. Viel Spass beim Lesen!
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