"Lichtblick" Djerassi: "Ich bin und bleibe ein Wiener"

17. Mai 2005, 20:46
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Regina Strassegger sprach mit dem Erfinder der "Pille" über seine Heimat und andere Plätze zum Leben

Wo einst Carl Djerassis Elternhaus war – in der Leopoldstadt, zweiter Wiener Gemeindebezirk, steht heute der Glaspalast einer Versicherung. Der 82-Jährige betritt durch die Drehtür das Innere des Gebäudes. Er blättert in der Chronik des Hauses und schlägt eine Seite auf, die sein Bild zeigt und den Titel "Ich bin und bleibe ein Wiener". Djerassi erinnert sich an sein Zuhause: "Es war ein mieses Gebäude. Das zu zerstören war okay."

In der 3sat-Reihe "Lichtblicke" sucht Regina Strassegger nach außergewöhnlichen Zeitgenossen, deren Schicksal zugleich als Chance zu verstehen ist. Für die zweite Folge, Mittwoch, 20.45, besuchte sie den Chemiker Djerassi in San Francisco, lud ihn ein, die Stätten seiner Vergangenheit aufzusuchen, heimzukehren.

Er ist nicht zum ersten Mal in Wien seit seiner Emigration 1938, doch selbst dann bleibt Djerassi erstaunlich ungerührt. Vielleicht, weil er mit dem Schicksal leben kann: seine Tochter beging mit 28 Jahren Selbstmord. Seine dritte Ehefrau, die Literaturprofessorin Diane Middlebrook, ist unheilbar krank. Die Flucht aus Wien empfand er damals als "nicht so tragisch: Es war ein Abenteuer." 1951 entwickelte er in Mexiko die "Pille".

Sie machte Djerassi zum reichen Mann. Der sich drei Wohnsitze, Kunstschätze und eine Schriftstellerkarriere leisten kann. Und sich damit trotz aller Vergeistigung eine emotionale Heimat schafft: "Wenn an einem Platz ein Erdbeben ist, habe ich noch zwei andere Plätze zum Leben." Djerassi überlegt, sich einen vierten in Wien zuzulegen. (prie/DER STANDARD, Printausgabe, 6.4.2005)

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    foto: orf
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