Nespressotrauma

7. April 2005, 11:47
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Es war vorige Woche. Da bin ich dann auch beim dritten Versuch weinend davon gelaufen...

Es war vorige Woche. Da bin ich dann auch beim dritten Versuch weinend davon gelaufen. Und habe mir im nächsten Haushaltshardwareshop eine jener alten blechenen Espressomaschinen gekauft, die man in der Mitte auseinander schraubt und mitten auf den Herd stellt. Ein Packerl Kaffee hat mir der Händler gleich noch dazu geschenkt. Aus Mitleid.

Denn zu Weihnachen bekam ungefähr halb Wien eine Nespresso-Maschine geschenkt. Also eine jener Espressomaschinen, bei denen man sich den Kaffee nicht mehr mühsam und mit stetem Risiko, entweder den Mistkübel zu verbeulen oder den Sud irgendwohin zu klatschen selbst in die Pfanne drückt, sondern stattdessen ein elegantes Metallkäpselchen einsetzt. Aus buntem Aluminium.

Ökobilanz

(Einschub: Die letzte, die mir an dieser Stelle einen Vortrag über die Umwelt-, Energie- und Ökobilanz der Kapseln hielt, war meine Mutter. Und wie all ihre Vor-Rüger hatte sie trotzdem keine Hemmungen, sich nach gehaltenem Vortrag noch eine zweite – und später eine dritte ­ Tasse runter zu drücken. Obwohl sie in Umweltschutzfragen ein bisserl konsequenter und nachhaltiger denkt und handelt als ich. Aber die Bequemlichkeit ist eben ein Hund. Einschub Ende.)

Das Blöde an der rapide um sich greifenden Nespresserei ist aber weniger der Umweltschutz als die Nachschubbeschaffung: Um das Publikum zu ködern hat zwar jeder Hardwarestore ein paar Kapseln. Doch sobald man gekostet, gekauft und die ersten Proben aufgebraucht hat, offenbart sich das Dilemma: Kapseln gibt es nur über das Internet. Oder aber in einem (in Zahlen: 1) Shop – und zwar allem Anschein nach für ganz Österreich. Dementsprechend voll ist das Geschäft auch – und zwar zu jeder Tages- und Nachtzeit.

37 Kunden

Früher – vor Weihnachten – waren da vielleicht fünf Kunden gleichzeitig drin. Und weil die Nespressomenschen ihren Beruf ernst nehmen, wurde jeder ausführlich und ohne Eile beraten und bedient. Jetzt, nach Weihnachten, sind die Verkäufer noch immer nett und freundlich – aber leider nicht mehr: Beim zweiten Versuch vor Ostern Kaffee in Blechkapseln zu kaufen, zählte ich 37 wartende Kunden im Laden – und vier Verkäufer. Beim dritten Mal betrug das Verhältnis dann 21:4.

Im verstaubten Hauswarengeschäft war ich dann alleine – und wurde von einem älteren Herrn und seiner Frau bedient. Kaffeemaschinen, sagten sie, wären kaum mehr zu verkaufen. Espressomaschinen nur, wenn sie irgendein Kaffee-Spezialsystem integriert hätten. Aber etwa seit Mitte Februar, sagte der alte Mann, seien immer wieder leicht entnervte Menschen wie ich in sein Geschäft gestürzt – und hätten nach den alten Schraub-Espresso-Maschinen gefragt.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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