Historiker: Papst nicht vorschnell das Prädikat "der Große" geben

13. Mai 2005, 11:33
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Prälat Brandmüller: Eine solche Zuschreibung ist späteren Generationen vorbehalten - Kritiker Drewermann spricht von Khomeini-Kult

Vatikanstadt/Berlin - Der deutsche Kirchenhistoriker Walter Brandmüller hat davor gewarnt, dem verstorbenen Papst Johannes Paul II. vorschnell das Prädikat "der Große" zuzuschreiben. Die Kirche kenne bisher nur zwei Päpste, denen sie den Beinamen "der Große" verliehen habe, nämlich die Kirchenlehrer Leo (um 400-461) und Gregor (um 540-604), sagte der Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften laut Kathpress vom Dienstag im Deutschlandfunk. Eine solche Zuschreibung solle späteren Generationen vorbehalten bleiben. Prälat Brandmüller äußerte sich trotz seiner persönlichen Verbundenheit mit Johannes Paul II. skeptisch zu den Versuchen, den verstorbenen Papst umgehend mit dem Beinamen "der Große" zu versehen.

Im Redemanuskript der Predigt von Kardinal Angelo Sodano hatte am Sonntag die Bezeichnung "Johannes Paul der Große" gestanden. Der Kardinal verzichtete aber dann bei seiner Ansprache auf diesen Begriff. Papst Leo der Große wurde im Jahr 440 zum Papst gewählt. Er festigte entscheidend die Stellung des Bischofs von Rom und wird deshalb von Historikern als der erste wirkliche "Papst" mit Macht zur Leitung der gesamten abendländischen Kirche angesehen.

Völkerwanderung

Unter Gregors Herrschaft musste das Papsttum nach der Katastrophe der Völkerwanderung die politische Macht in Italien übernehmen: Er schloss die Gebiete Mittelitaliens zu einem einheitlichen Ganzen zusammen, das zum Grundstein des Kirchenstaates wurde. Es gelang ihm, Roms traditionellen Anspruch auf die kirchliche Vormachtstellung gegenüber dem Patriarchen von Konstantinopel sowie den anderen Bischöfen der Kirche durchzusetzen. Gregor initiierte auch die Re-Christianisierung Englands. Er trug wesentlich zur Durchsetzung der benediktinischen Mönchsregel bei und förderte das Klosterwesen, eine Liturgiereform sowie die Einführung der so genannten gregorianischen Choräle.

Kirchenkritiker

Kritik am Umgang der Öffentlichkeit mit dem Papst übte auch der deutsche Kirchenkritiker Eugen Drewermann, der Art und Umfang der Beisetzungsfeierlichkeiten für Papst Johannes Paul II. beanstandet. "Was in diesen Tagen passiert, erinnert an die Trauerfeierlichkeiten eines Ayatollah Khomeini", sagte Drewermann laut dpa am Montagabend im Fernsehsender n-tv. Der verstorbene Papst sei mit dem gleichen Absolutheits- und Unfehlbarkeitsanspruch wie der islamische Religionsführer aufgetreten, der 1989 starb. Dabei benötige die katholische Kirche dringend die Freiheit, unterschiedliche Meinungen gelten zu lassen, meinte Drewermann. Dieser Weg sei mit Johannes Paul II. nicht möglich gewesen. Drewermann, in Deutschland als "Kirchenrebell aus Paderborn" bakennt, wurde 1991 die Lehrerlaubnis entzogen, 1992 auch die Erlaubnis zu predigen. Heute arbeitet der ehemalige Priester als Schriftsteller und Psychotherapeut. (APA)

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