Kopf des Tages: Herbert Stepic

2. Mai 2005, 12:24
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Ein bulliger Exote im Raiffeisen-Reich

Ein Fall für die sprichwörtliche Schublade ist Herbert Stepic, 59-jähriger Generaldirektor der Ostbanken-Holding des Raiffeisen-Sektors, Raiffeisen International (RI), und Vizechef der Raiffeisen Zentralbank, nicht.

Dass er dort nicht hineinpasst, liegt weniger an Räumlichem als an Mentalem. Liegt also weniger an Stepics stattlicher Erscheinung, die der Genuss-affine Wiener nicht zuletzt seiner Vorliebe für Nachspeisen verdankt, als an seiner Lust am Neuen, die durchaus an Abenteuerlust grenzt. An Eigenschaften also, die man einem Mann, der seit 1973 im giebelkreuzbiederen Raiffeisen-Sektor dient, nicht zwangsläufig vermuten muss.

Mit dem RI-Börsengang, der rund eine Milliarde Cash in die Kassen der Bank spülen könnte, erfüllt sich der Unkonventionelle, der immer weiß, wo auf der Welt die besten und billigsten Zigarren zu erstehen sind (derzeit: Flughafen Bukarest), seinen Kindheitstraum. "Ich wollte schon als Jugendlicher ein Unternehmensimperium schaffen." Und zwar "am besten in fernen Ländern und bei fremden Völkern, weil ich unter schwierigen Bedingungen arbeiten wollte".

Erschwerte Bedingungen, die sich der Sohn eines Textilgroßhändler-Paares, der "schon als Kind Abrechnungen machte", selbst schaffte. Denn der Karrierebeginn des Exzöglings der (ebenso strengen wie katholischen) Schulbrüder verlief unspektakulär. Stepic, der trotz beruflicher Reisehyperaktivitäten Fernreisen ebenso liebt wie moderne Kunst und modernes Theater, begann 1973 bei der heutigen RZB. Er baute die Abteilung Außenhandelsservice auf; viel mehr prägte ihn aber sein Nebenjob als Chef des bankeigenen Handelshauses Elsner, das auf den Ost-West-Handel spezialisiert war. "Bittere Lehrjahre" habe er dort verbracht, "ich kam ins Visier der Haifische der Branche".

Genau das richtige Umfeld für den ehrgeizigen Workaholic. Der hervorragende Netzwerker kam in den RZB-Vorstand, wurde Chef der neu gegründeten Ostbanken-Holding. Mit ihr stillte er seine Abenteuerlust, die Genossenschafter folgten dem Charismatiker. 1986, also noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, ging die RZB nach Ungarn. "Damals haben alle gedacht, das kann nur schief gehen", so Stepic. Schief gegangen ist Stepic nicht viel, sogar aus der Russland-Krise 1998 (1,8 Mrd. Schilling - 131 Mio. €- Wertberichtigungen) holte er noch Vorteile heraus. Während andere Banken das Land fluchtartig verließen, blieb Raiffeisen, und Stepic bekam den Ruf, besonders "treu und zuverlässig" zu sein.

Klappt der Börsengang, so will sich der Raiffeisen-Banker auch da gar nicht klischeehaft bedanken. Er werde kein "Kerzerl anzünden", sondern "in den Wald laufen gehen und vielleicht zwei Tage in einem Wellness-Hotel kuren". (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.4.2005)

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