"Woman": Pflichtübungen aus der Chefetage

17. Mai 2005, 20:54
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Sehr geehrter Herr Traxler, unterbreche nur ungern meinen Toiletten-Aufenthalt (selbstverständlich einzig zu dem Zweck mein Make-up ...

Nicht genug mit der Gegendarstellung, die "Woman" als Reaktion auf eine Betriebsreportage Sophia Fielhauers aus Österreichs größtem Frauen- und Lifestyle-Magazin beim STANDARD einreichte, obwohl diese in der "Österreichischen Journalistin" erschienen ist, sind nun auch Mails aus den höheren Rängen der "Woman"-Redaktion eingetroffen, denen Raum zu geben, obwohl nicht ausdrücklich verlangt, eine Selbstverständlichkeit ist. So schrieb ein Mitglied der Chefredaktion von "Woman" wie folgt.

Sehr geehrter Herr Traxler,

unterbreche nur ungern meinen Toiletten-Aufenthalt (selbstverständlich einzig zu dem Zweck mein Make-up aufzufrischen!), krempel mal schnell die Ärmel meiner Gucci-Bluse hoch und versuche fünf gerade Sätze in die Tastatur zu klopfen.

Das Hinhauen des "Standard" auf die Woman-Redaktion und deren engagierte und interessierte Redakteurinnen empfinde ich mittlerweile als letztklassig. Was manchmal ja ganz heiter zu lesen war, wächst sich nun, nach Ihrem Kommentar und der Zitierung einer nicht genannten ehemaligen Kollegin, zur Schmuddel-Kampage aus. Wozu? Sie machen aus einem - nebenbei sehr erfolgreichen - Redaktionsteam eine Rotte overstylter, stumm dienender Dumpf-Tussis. Damit irren Sie. Hier arbeitet ein tolles Team an Frauen, die weit mehr schaffen (nämlich Job plus Kinder plus Haushalt) als sich einmal pro Woche hinzusetzen und einen "Blattsalat" abzumischen (den ich - auch ganz nebenbei - meist mit großem Vergnügen lese ...).

So, jetzt geh' ich Schuhe kaufen und lass mir ein Botox-Spritzerl geben, weil die Zeitung macht sich ja von ganz alleine ...

Liebe Grüße

Euke Frank

ps: Falls Sie das als Leserbrief drucken wollen, dann nur in voller Länge. Sonst bitte nicht!

Gern geschehen. Ein Versuch, fünf gerade Sätze in die Tastatur zu klopfen, lohnt sich immer und ist in diesem Fall umso besser gelungen, als er offensichtlich ernst gemeint und dennoch durchsetzt ist mit einer erfrischenden Prise unfreiwilligen Humors, der seinen Ursprung möglicherweise in einer kleine Leseschwäche hat. Nachlesen überzeugt: Mein Beitrag zu dem, was eine Schmuddel-Kampagne sein soll, bestand lediglich in ein wenig angewandter Komparatistik anhand von unangreifbaren Zitaten, nämlich in einem Vergleich des von der Herausgeberin offiziell verkündeten Selbstverständnisses von "Woman" mit dem in der "Österreichischen Journalistin" veröffentlichten Erlebnisbericht einer ehemaligen Mitarbeiterin von "Woman".

Dass die Wahrnehmungsdifferenz, die zwischen diesen Textsorten besteht, schmerzt, kann ich verstehen, die Ursache des Schmerzes in mir zu suchen, wird aber dem tollen Team in der "Woman"-Redaktion wenig helfen. Ich hoffe, dass ein erfolgreicher Schuhkauf und das Botox-Spritzerl wenigstens den Schmerz der Schreiberin gelindert haben. Und was das große Vergnügen betrifft: "Blattsalat" gibt 's zweimal in der Woche, seit Jahren.

Umgekehrt verhielt es sich mit einem anderen Poststück aus der "Woman"-Redaktion, adressiert an Günter Traxler, das sich unter dem Betreff Der nie geschriebene Leserbrief einer Woman-Redakteurin als satirisches Bekenntnis einer leidenden Seele auszugeben versuchte, damit aber nur unterstrich, wieviel Tragik hinter dem Leiden steckt.

Lieber Herr Standard!

Ich find das urarg, dass mir Woman-Redaktörinnen schon wieder so blöd hingstellt werdn.. Und das genau unter der Gegendarstellung von unserner Schefin. Voll frech! Weil das stimmt alles nicht, was Sie da sagen. Schreibn tun mir voll gut, aber mir müssn das gar nicht, weil das macht eh die Chefredaktion. Dafür fahren mir zum Betriebsausflug immer zum Wunderl Schuhe kaufen. Zu was anderem interessieren wir uns nicht. Auserdem braucht die Fielhauer nicht die Pappn aufreissn, weil die ist eh nur so eine gscherte Arbeitslose, die keinen Mann kriegt.

Lieber Herr Standard, glauben Sie nicht immer nur die Sachen von die blöden Weiber, die sind ja alle nur neidisch. Sie haben übrigens so eine schöne Stimme in der Werbung. Warum sieht man Sie nie? Traun Sie sich nicht? Brauchen's vielleicht ein paar Styling-Tipps? Mach ma gern!

Hochachtungsvoll

Puppi Sorglos

WOMAN-Redaktion

Das nennt man ein Bekennerschreiben. Der Kampfname Puppi Sorglos kann nicht verbergen, dass als Absenderin der Mail Frau Sylvia Steinitz angegeben ist, Leiterin der Abteilung Society bei "Woman". Das Kompliment für die schöne Stimme in der Werbung werde ich dem lieben Herrn Standard alias Oscar Bronner gerne weitergeben, ebenso das Angebot der Styling-Tipps - schaden kann 's ja nie. Nur vor dem Vorwurf, das stimmt alles nicht, was Sie da - im "Blattsalat" - sagen, muss ich ihn in Schutz nehmen. Bei ihm trifft er schon gar nicht zu.

Soweit die Pflichtübungen aus der Chefetage. Von den leidenden Frauen, um die es in Sophia Fielhauers Bericht ging, hat sich nach einem Monat noch keine zu einer Berichtigung gemeldet. (DER STANDARD; Printausgabe, 5.4.2005)

Von Günter Traxler
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