Rahmanows lautlose Opposition

7. April 2005, 12:31
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Tadschikistans autokratischer Staatschef hat die einst gefürchteten Islamisten gezähmt

Mirzokhodscha Ahmadow, der Chef der 6. Spezialabteilung der Polizei zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität in Garm, hat rote Augen und stecknadelgroße Pupillen. Er spricht so langsam, als habe ihn jemand betäubt, und sieht so aus wie ein Mafioso in russischen Filmen: Stiernacken, breitbeiniger Gang, schwarze Stiefletten an den Füßen und eine schwarze Lederjacke um die Schultern.

Dennoch war Ahmadow bis vor einigen Jahren einer der wichtigsten politischen Akteure im strategisch wichtigen Garm-Tal, östlich der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe. Ahmadow läuft zu einem urzeitlich aussehenden Panzerschrank - außer einem Konferenztisch und seinem Schreibtisch das einzige Möbelstück in seinem Büro - und holt ein Blatt Papier daraus hervor. Es ist der im März 1999 unterschriebene Vertrag, der den Mudjahedin Amnestie für die seit der Unabhängigkeit Tadschikistans 1991 begangenen Verbrechen verspricht.

"Wenn die Regierung hier so etwas versucht wie in Tadschikabad, dann ist es mit der Ruhe auf jeden Fall vorbei", sagt Ahmedow. Er spricht über eine Schießerei im August vergangenen Jahres in einem kleinen Städtchen, 30 Kilometer das Tal hinauf, als die Polizei versuchte, ehemalige Mudjahedin festzunehmen. Ein Polizist wurde dabei getötet, einer verletzt. Doch was kann die Drohung Ahmadows wert sein? Das von außen verlassen aussehende Haus seiner Spezialeinheit liegt genau neben der zentralen Polizeistation von Garm. Offenbar hat die Regierung entschieden, den ehemaligen Mudjahedin-Kommandanten der Stadt lieber hier mit 20 der Seinen genau zu überwachen, als ihn draußen Unheil anrichten zu lassen.

Kläglicher Rest Ahmedow und ein paar weitere Mudjahedin im Staatsdienst sind der klägliche Rest der islamistischen Bewegung Tadschikistans. Bis vor einigen Jahren jedoch hat sie noch ganz Zentralasien zittern lassen, denn einst war das Garm-Tal die Hochburg der Vereinigten Tadschikischen Opposition (UTO). Im Bürgerkrieg (1992-1997) kontrollierte sie das enge Flusstal und regierte es nach ihrem Gusto. Die Läden durften keinen Alkohol verkaufen, es galt die Scharia.

Noch bis in die jüngste Zeit gab es in der usbekischen und kirgisischen Presse Berichte, die islamische Guerillas im Garm-Tal vermuteten. Und bis heute verbietet die usbekische Regierung Direktflüge aus Tadschikistan nach Usbekistan. Heute aber muss das Garm-Tal vielmehr als das deutlichste Beispiel dafür gelten, dass der Islam in der Politik der zentralasiatischen, früheren Sowjetrepubliken seine Anziehungskraft verloren hat.

Die wichtigste Partei der ehemaligen bewaffneten Opposition in Tadschikistan, die Partei der Islamischen Wiedergeburt (PIW), hat sich in eine politische Partei verwandelt. Das Friedensabkommen von 1997 sah vor, dass die Opposition 30 Prozent der Ämter in Regierung und Verwaltung bekommen sollte. Obwohl der tadschikische Präsident Emomali Rahmanow inzwischen fast alle potenziellen Rivalen aus der Regierung eliminiert und die Opposition völlig marginalisiert hat, betont die PIW-Spitze unablässig, dass die Erhaltung des Friedens wichtiger sei als alles andere.

Unabhängige Beobachter in Tadschikistan berichteten bei den Parlamentswahlen im letzten Februar über noch offensichtlichere Fälschungen als in Kirgistan, dennoch beschränkte sich die Opposition in Tadschikistan darauf, Beschwerde beim Höchstgericht einzulegen, anstatt Proteste loszutreten. "Das Wichtigste in unserem Land ist, dass Ruhe und Frieden herrscht", sagte Muhidin Kabiri, der seit der Krankheit des PIW-Chefs Said Abdullah Nuri die Partei nach außen vertritt, nach dem Umsturz in Kirgistan. "Die Tadschiken wollen vor allem den Bürgerkrieg vergessen." (DER STANDARD, Printausgabe, 5.4.2005)

Von Peter Böhm aus Garm
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