Polen vor Kirchenspaltung?

2. Mai 2005, 19:17
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In seiner Heimat galt Johannes Paul II. als Reformer. Nun steht das Verhältnis zwischen "seiner" Amtskirche und fundamental- katholischen Gläubigen auf dem Prüfstand - Kommentar der anderen von Klaus Bachmann

Zum ersten Mal tauchte der Begriff "Tod" im Zusammenhang mit dem Leiden des Papstes in der polnischen Öffentlichkeit am vergangenen Freitag auf. Während westeuropäische Medien schon lange über das Ablebens von Johannes Paul II. spekulierten, mogelten sich selbst ausgesprochen kirchenkritische Medien wie die linksliberale Gazeta Wyborcza bis zuletzt mit Formulierungen wie "Der Papst kämpft um seine Gesundheit" an der Tatsache vorbei, dass der Papst zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem Tode rang. Debatten über die möglichen Konsequenzen seines Ablebens für die polnische katholische Kirche fanden nicht statt - dass der Papst sterben könnte, galt geradezu als undenkbar. Polens Katholiken und die Amtskirche trifft die neue Lage daher völlig unvorbereitet.

Die Tabuisierung des Sterbens von Johannes Paul erklärt sich nicht nur aus der immensen Beliebtheit des Krakauer Erzbischofs, sondern auch aus der Furcht vor den Folgen seines Todes. In Westeuropa und vielen Ländern Lateinamerikas galt Johannes Paul II. als erzkonservativ. In Polen dagegen wurde als liberaler Neuerer wahrgenommen, der die Amtskirche reformierte. Während in Westeuropa in den Neunzigerjahren kirchliche Bewegungen von unten gegen verknöcherte Amtskirchen und konservative Bischöfe Sturm liefen, organisierten sich in Polen konservative Gläubige gegen eine zu fortschrittliche Amtskirche. "Radio Maryja" und die erzkonservativen Milieus um den Sender herum sind eine Art "Kirche von unten" - aber eine, die gegen zu viele Zugeständnisse an die Moderne auf die Barrikaden geht. Ihr gegenüber stehen Bischöfe, die in der Amtszeit des verstorbenen Papstes Karriere gemacht haben. Johannes Paul II. erhob einen liberalen, reformfreudigen Bischof nach dem anderen zum Erzbischof oder Kardinal und strafte nationalistische Bremser ab, indem er sie bei Ernennungen überging oder ihnen - wie zuletzt bei der Reorganisierung der Diözesen 1991 - weniger wichtige Bereiche überließ.

Politische Signale Ein typisches Beispiel: die Karriere von Jozef Zycinski, einst Bischof von Tarnow (östlich von Krakau), der seine Gläubigen schockierte, als er flächendeckend Pfarrgemeinderäte einführen wollte (was in Westeuropa seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gang und gebe ist, von vielen Gläubigen in Polen aber abgelehnt wird, weil diese sich lieber der Autorität ihres Pfarrers unterordnen, anstatt über die Verwaltung der Pfarrei mitzubestimmen). Zycinski avancierte schließlich zum Erzbischof von Lublin und zum Kanzler der einst hoch angesehenen Katholischen Universität, die in den neunziger Jahren zunehmend zu einer Hochburg erzkonservativer Obskurantisten geworden war.

Generell förderte Johannes Paul II. auf solche Weise Bischöfe, die sich um den Dialog mit dem Judaismus und die Verständigung mit Polens Nachbarn und nationalen Minderheiten verdient gemacht hatten, während das nationale Lager im Episkopat an Bedeutung verlor.

Auch bei seinen Pilgerreisen nach Polen trat der Papst stets für ein offenes, tolerantes und westlich orientiertes Polen ein. Polens antieuropäische Fundamentalkatholiken hatten ihre liebe Mühe, ihre Ablehnung gegen die EU mit der offenen Unterstützung des Papstes für die europäische Einigung unter einen Hut zu bekommen.

Vom latenten Unmut . . . Nun steht Polens Amtskirche, symbolisch gesprochen, vor einem großen schwarzen Loch. Wer immer Nachfolger von Johannes Paul II. wird - ihm wird in Polen allenfalls ein Bruchteil jener Ehrfurcht zuteil werden, die dem großen Krakauer entgegengebracht wurde. Auf römische Rückendeckung im Kampf gegen Polens nationalistische, antisemitische, europafeindliche und demokratieskeptische "Kirche von unten" können die polnischen Testamentsvollstrecker von Karol Wojtyla künftig nicht mehr rechnen.

Immerhin sind Milieus wie "Radio Maryja" erwiesenermaßen imstande, hunderttausende Gläubige zu mobilisieren. Und die Angst, diese Kräfte könnten sich abspalten und vorkonzilianischen Bewegungen wie der "Brüderschaft des heiligen Pius X." des exkommunizierten französischen Erzbischofs Marcel Lefebvre anschließen, ist nicht von der Hand zu weisen. Nicht zufällig tauchen die Lefebvre-Priester überall da in Polen auf, wo die Bischöfe der Amtskirche Initiativen ihrer erzkonservativen Gläubigen die Unterstützung verweigern: Da die "Brüderschaft" das Zweite Vatikanische Konzil ablehnt, kann sie unter konservativen Katholiken durchaus auf Sympathie rechnen, weil auch diese den meisten Neuerungen des Konzils skeptisch bis verweigernd gegenüberstehen. Gerade erst kurz vor dem Tod des Papstes ist in Polen eine Debatte über die Zulässigkeit der Handkommunion ausgebrochen, die von den Bischöfen offiziell erlaubt, von der Mehrheit der Gläubigen dagegen abgelehnt wird.

. . . zum offenen Streit? Die Furcht vor einer Kirchenspaltung in Polen stand wohl auch Pate bei der Zurückhaltung, die die Bischöfe bisher bei der Auseinandersetzung mit "Radio Maryja" und seinen Anhängern an den Tag legten. Da selbst bei Polens konservativsten Katholiken die Autorität von Johannes Paul II. unangefochten war, schien die Gefahr von Abspaltungen gering, solange er von Rom aus Reformer und Bremser, Konservative und Weltoffene, Bischöfe und Gläubige zusammenhielt.

Nun ist es damit vorbei. Im Streit um den Führungsanspruch zwischen einer hermetischen, nationalistischen, traditionalistischen gegen eine weltoffene, reformfreundige, modernere Kirche werden die Karten in Polen nun neu gemischt. Und da auch der Einfluss der katholischen Kirche im vorpolitischen Raum ungebrochen ist, wird der Tod des Papstes auch auf Polens Politik immensen Einfluss haben. Welchen, weiß zurzeit niemand zu sagen, denn aus Furcht vor den Folgen wurde darüber ja nie diskutiert.

*Der langjährige Polen-Korrespondent, Historiker und Publizist leitet seit Kurzem den Lehrstuhl für Politische Wissenschaften des Willy Brandt Zentrums für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau. "Handkommunion" - bei der heiligen Messe wird die Hostie den Gläubigen von Priestern nicht in den Mund, sondern in die Hand gelegt. Hat sich in Westeuropa inzwischen eingebürgert, wird in Polen aber von vielen Gläubigen als "neumodisch" abgelehnt. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.4.2005)

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