Mysterium und Alltag, "Zukunft" und Baguette

4. April 2005, 18:08
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Das BA-CA-Kunstforum bringt eine Retrospektive auf das Werk des belgischen Surrealisten René Magritte

Rund 70 Arbeiten aus internationalen Sammlungen zeigen, was die Realität alles an Überraschungen bereithält.


Wien – Die Kunst, da war sich Réne Magritte zeitlebens sicher, sperrt sich vehement gegen die Psychoanalyse: "Sie erweckt das Mysterium, ohne das die Welt nicht existieren würde, ein Mysterium, das nicht mit einer Art Problem, wie schwierig es auch sei, verwechselt werden darf. Ich achte darauf, nur Bilder zu malen, die das Mysterium der Welt erwecken. Damit dies möglich ist, muss ich ganz wach sein, was bedeutet, dass ich aufhöre, mich uneingeschränkt mit Ideen, Gefühlen, Empfindungen zu identifizieren."

Begonnen hat alles mit nächtlichen Besuchen des jungen René in den Grüften seines Heimatfriedhofs. Dort, zwischen pittoresker Architektur, der Allgegenwart des Verfalls und der Begleitung einer Jugendliebe, fiel die Entscheidung, Maler zu werden.

Er begann zunächst in der Art der Impressionisten, später in jener der Futuristen mit ersten Bildern. Während des Studiums an der Académie des Beaux Arts entdeckte er die Werke Eric Saties und Tristan Tzaras, begeisterte sich für die Dadaisten zu – und fand schließlich zum Surrealismus. Bis heute werden Magrittes Bilder in dieser Schublade aufgehoben. Dabei: "Ich bin weder 'Surrealist' noch 'Kubist' noch sonst irgendwas."

Die gut 70 Arbeiten aus diversen internationalen Sammlungen René Magrittes, die ab morgen, Mittwoch, im BA-CA Kunstforum den Alltag aushebeln, belegen Magrittes Hang zum Unverbindlichen. Mit kurzen Unterbrechungen malt er vor allem "neutral". Er beschreibt, verweigert jede persönliche Beifügung, vermeidet alles, was Rückschlüsse auf Produzent oder Geheimnis der Bilder liefern könnte. Der Schlüssel zu den Träumen ist weder er selbst – Magritte führte das forciert unauffällige Leben eines Beamten –, noch sind es Codes, die, würden sie geknackt, irgendeine Offenbarung freilegten. Der Schlüssel ist die Bereitschaft, das vermeintlich Unmögliche anzunehmen. Magritte malt Alltagsszenen, die so nie passieren würden. Der heimliche Spieler ist involviert in ein baseballähnliches Geschehen, das durch ein schildkrötenartiges Flugobjekt und eine Dame mit Bartbinde bestimmt ist. Das Geheimnis des Trauzeugen bleibt wohl gehütet; was Die Zukunft mit einem reschen Baguette vor Nachthimmel zu tun hat? Unergründlich.

Das Bemühen Dritter um Herleitungen hat er nie kommentiert. So werden die immer wiederkehrenden verschleierten, verfremdeten oder gar ausgelöschten Gesichter in seinen Arbeiten gern mit den Umständen des Todes seiner Mutter in Verbindung gebracht: Die hat sich in der Sambre ertränkt. Als man die Frau nach Tagen an den Beinen aus dem Fluss zog, verhüllte ein weißes Nachthemd ihr Gesicht. Als Dreizehnjähriger soll Magritte das Geschehen verfolgt haben, kommentiert hat er es nie.

1967 stirbt der Maître du mystère aller Klassen. Seine Werke zählen mit zu den bekanntesten und meistreproduzierten Bildern aller Zeiten. Trotzdem funktionieren sie immer noch. Auch wenn eine Magritte-Retrospektive – die erste in Österreich – vor allem ein Déjà-vu-Erlebnis verspricht und das "Original" nicht viel mehr bietet als die Reproduktion. In jedem Fall eine Gelegenheit, den so bekannten Sujets die korrekten Bildformate zuzuordnen. (DER STANDARD, Printausgabe, 05.04.2005)

Von
Markus Mittringer

bis zum 24.7.2005
  • Artikelbild
    foto: ba-ca-kunstforum
  • Schöner Titel für ein obligat verrätseltes Gemälde von René Magritte: "Die Legende der Jahrhunderte" (1950), ab Mittwoch im BA-CA-Kunstforum.
    foto: ba-ca-kunstforum

    Schöner Titel für ein obligat verrätseltes Gemälde von René Magritte: "Die Legende der Jahrhunderte" (1950), ab Mittwoch im BA-CA-Kunstforum.

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